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In Teil 12 der großen Interviewreihe bekommt die Bauherrin, Handwerkerin, Raumgestalterin, Gastgeberin, Kulturarbeiterin, Stadt- und Verkehrsgeographin und Eigentümerin des Bahnhofs Nebra Jana Fischer das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihr über den neuen Kulturort, Herausforderungen bei der Aktivierung, Vernetzungen, die eigene Stärke und die stille Idylle mit Wohlfühlgarantie im Burgenlandkreis. Eine starke Frau! Ein faszinierendes Gespräch!

Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.

"Stille Idylle. Die gibt es hier und Wohlfühlen sowieso."

über Jana Fischer

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Stille Idylle. Die gibt es hier und Wohlfühlen sowieso.

Interview mit Jana Fischer

Guten Tag Jana Fischer. Sie sind die Eigentümerin des Kulturdenkmals Bahnhof Nebra. Was ist denn ein Kulturdenkmal ganz konkret?
Ganz formal ist es ein Baudenkmal im Sinne des § 2 Denkmalschutzgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt. Genauer wird es beschrieben als gegenständliches Zeugnis menschlichen Lebens vergangener Zeiten, das es aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte, Wissenschaft oder den Städtebau im öffentlichen Interesse zu erhalten gilt. Als Eigentümerin übernehme ich genau dafür Verantwortung. Ein Grundsatz für die Sanierung des Hauses ist von Beginn an, so wenig wie möglich am Bestand zu verändern und die alte Schönheit wieder sichtbar zu machen. Ziel war und ist, es schrittweise mit Leben zu füllen und einen Ort mit einem Mehrwert für die Menschen der Region und ihre Gäste zu schaffen.
Als Stadt- und Verkehrsgeographin beschäftigen Sie sich beruflich mit der Entwicklung von Orten. Was hat Sie gereizt, mit dem Bahnhof Nebra irgendwann selbst einen Ort zu entwickeln?
Beruflich wusste ich um das Schicksal vieler alter Bahnhofsgebäude. Mit dem Verlust ihrer ursprünglichen Funktion verschwinden vielerorts nicht nur schöne Gebäude, sondern auch Orte, die einmal eine wichtige Bedeutung für ihre Umgebung hatten. Mich hat gereizt, nicht nur beruflich Konzepte für die Entwicklung von Orten zu erarbeiten, sondern selbst anzupacken und etwas zu erschaffen. Nicht zuletzt auch, weil noch einiges mehr in mir steckt als nur die Geographin. Im Bahnhof mache ich all das, was ich sonst nicht geworden bin: Hier bin ich Bauherrin, Handwerkerin, Raumgestalterin, Gastgeberin, Kulturarbeiterin und noch einiges mehr. Gerade diese Mischung macht das Projekt für mich aus und ich bin dankbar, dass meine Ideen auf positive Resonanz treffen und mich die Menschen der Region so gut aufgenommen haben.
Und seit wann und warum füllen Sie den Ort mit neuen Kulturangeboten?
Die allererste Kulturveranstaltung war eine Lesung im September 2024 im Rahmen des KUMBRA Literaturfestivals. Für das Warum muss ich etwas ausholen. Denn hier Kultur stattfinden zu lassen, war nur eine Idee im Rahmen der Standortanalyse und Konzepterarbeitung. Dafür habe ich mir nach dem Kauf viel Zeit genommen und geschaut, was passt in das Haus, an diesen Standort, in die Region. Direkt am Unstrutradweg und mit stündlichem Bahnanschluss lag die Idee der Ferienzimmer und Wiederbelebung der alten Gastronomie nahe. Für sie suche ich aktuell auch eine/n Betreiber/in. Weil Bahnhöfe von jeher Begegnungsorte sind, wollte ich diesen Gedanken aber noch mehr berücksichtigen. Damit war auch die Leitidee ‚Mehr WIR‘ geboren. Mit Kultur bringt man Menschen zusammen, in Begegnung und in Austausch. So wichtig fürs Seelenwohl und im Ländlichen mit eher überschaubarem Angebot umso mehr. Dafür nutze ich im Sommer den Güterschuppen und im Winter den schönen Wartesaal für Konzerte und Lesungen. Beide Räume können wiederum ganz im Sinne des ‚Mehr WIR‘ auch für Vereins- und Teamtage oder Seminare gemietet werden.
Bei den kulturellen Angeboten arbeiten Sie intensiv mit Frank Oberhof und dem Liedertour e.V. zusammen. Wie kam es denn zu dieser Kooperation?
Für diese Kooperation bin ich sehr dankbar, vor allem Robert Weinkauf – einem wichtigen Kulturnetzwerker in der Region, der unbedingt auch mal im Portrait vorgestellt werden sollte (… wurde er gerade, Anmerkung der Redaktion). Er war auf mein Projekt aufmerksam geworden und schrieb mich an. Zum Glück blieb er hartnäckig dran. Denn mitunter sind meine Tage hier im Haus recht voll, dass manche E-Mail auch mal etwas liegen bleibt. Er stellte die Verbindung zum Liedertour e.V. her. Im Juli 2025 fand dann das erste Konzert statt und hat mich völlig überwältigt, weil so viele Menschen kamen. Seither bin ich eine Station auf den monatlichen Konzerttouren und freu mich, dass die Menschen der Region sie so gut annehmen und auch immer ganz wunderbar ‚dabei‘ sind. Die Künstler und Künstlerinnen sind ja immer ganz verschieden und immer eine Bereicherung.
In unser Region einen neuen Kulturort zu schaffen, gerade wenn man von außerhalb kommt, stelle ich mir als Wagnis vor, gerade auch finanziell ... Manchmal ist der ungebrochene Blick von außen aber auch gut, schließlich ignoriert man damit oft verkrustete Gleise. Welchen Herausforderungen sind Sie begegnet im Bahnhof Nebra und wie sind Sie damit umgegangen. Wo kam Unterstützung her?

Die wohl größte Herausforderung war und ist die Finanzierung. Allein einen Baukredit für ein Bahnhofsgebäude zu bekommen, war schon eine Hürde. Ein solches Projekt passt nicht unbedingt in die üblichen Finanzierungsmuster klassischer Banken. Zum Glück fand ich bei einer sozial-ökologischen Bank eine Finanzierung und fühlte mich dort mit meinem Projekt von Beginn an gesehen. Einen kleinen Teil der bisherigen Baukosten konnte ich außerdem mit Fördermitteln und Privatdarlehen finanzieren.

Doch so ein Denkmal zu erhalten, kostet weiterhin, auch weil noch nicht alle Bauschritte abgeschlossen sind – aktuell etwa die Fertigstellung der Gastro-Einheit oder die Wiederherstellung der bahnsteigseitigen Wartesaaltür, damit der Wartesaal künftig wieder barrierefrei zugänglich ist. Bei den Veranstaltungen gibt es daher auch eine Bauspendenkasse und auf der Bahnhofswebseite (www.bahnhof-nebra.de) eine Spendenkampagne. Wer möchte, kann darüber den Erhalt des Denkmals und seine weitere Entwicklung zum Kultur- und Begegnungsort unterstützen.

Seit dem 1. August hängt bei Ihnen im Wartesaal des Bahnhofs Nebra die Ausstellung „Toskana des Nordens trifft auf Toskana des Südens" von Rico Bendix. In der Ankündigung las ich von dem „malenden Storchenflüsterer". Können Sie uns und unserer Leserschaft etwas dazu erzählen?
Rico Bendix stammt aus Querfurt und malt schon seit seiner Kindheit. Doch wie so häufig, kam erstmal das Leben dazwischen eh er sich seiner Leidenschaft widmen konnte. Jahre vergingen – beispielsweise arbeitete er als Betreiber einer Pizzeria – bis er durch einen Impuls eines befreundeten Künstlers zu hören bekam „Mal Junge, mal“. Seither ist er nahezu rastlos kreativ. In seiner Freizeit widmet er sich den Störchen, siedelte sie nahe seines Wohnorts Memleben an und freundete sich quasi mit ihnen an. So entstand auch der Name des „malenden Storchenflüsterers“. Seine Naturverbundenheit spiegelt sich auch in seinen Bildern wider. So erlebt der Betrachtende in der Ausstellung „Toskana des Nordens trifft Toskana des Südens“ die Weinlandschaft im Burgenlandkreis und der Toskana. David aus Florenz begegnet Uta aus Naumburg, Hirschkäfer trifft auf Gottesanbeterin. Im individuellen Stil entsteht für ein Bild zunächst der Hintergrund als ein Farbdruck auf einem alten Bohlenbrett. Erst dann findet er das passende Motiv dazu. Die Ausstellung kann bis 13. September besichtigt werden – jederzeit, weil der Wartesaal nun quasi auch offene Galerie ist.
Sie haben das Gebäude auch zu einem touristischen Anlaufpunkt ausgebaut, es gibt Übernachtungsmöglichkeiten. Wie werden diese denn angenommen? Die Sehnsucht der nahen Städter nach Ruhe und warmherzigem Willkommen ist doch mit Händen greifbar, meines Empfindens nach, oder?
Stille Idylle sage ich immer gern. Die gibt es hier und Wohlfühlen sowieso. Das war mir bei der Gestaltung der Zimmer besonders wichtig. Hier hat sich die kreative Seite in mir ausgelebt. Entstanden ist so ein individuelles und stilvolles Ambiente, wo Modernes auf historische Bausubstanz trifft und zum mehrtägigen Wohlfühlen einlädt. Herzstück ist der Salon mit großem Esstisch, an dem sich im Sinne des ‚Mehr Wir‘ begegnet werden kann. Von Tag Eins an werden die Ferienzimmer gut angenommen, worüber ich mich sehr freue. Ich habe viele Gäste aus Leipzig, Halle oder Erfurt, was mit einer guten Fahrstunde ja quasi ein Katzensprung in ein verlängertes Wochenende mit Ruhe und Natur ist.
Sie sind sicher schon in der Planung der Veranstaltungen der Saison 2026/27. Welche Highlights wird es denn geben? Können Sie uns da schon etwas erzählen?
Das bleibt noch einen Moment ein Geheimnis. Ich kann aber schon verraten, dass der September ganz viele Optionen zum Vorbeikommen bieten wird. Am 13. bin ich erstmals beim Tag des offenen Denkmals dabei. Da kann das Haus angeschaut werden. Außerdem wird es Schnupper-Klangmassagen, Rikschafahrten, eine Lesung zum Leben der Hedwig-Courths-Mahler und am Abend ein Konzert mit Neil Young-Interpretionen geben. Am 25. gibt´s dann das nächste Liedertour Konzert mit Sascha Gutzeit, der aus seinem Roman „Auf offener Strecke“ lesen und die passenden Songs dazu mit im Gepäck haben wird.
Wenn Sie selbst private Gäste empfangen, wohin gehen Sie mit denen? Was möchten Sie in unserer Region den Menschen zeigen, was ist Ihnen hier das Wichtigste? Jetzt mal von der Himmelsscheibe abgesehen …
Am liebsten spaziere ich mit ihnen entlang der Unstrut oder durch den Wald direkt hinterm Bahnhof. Oder wir fahren mal ein paar Stationen mit der Unstrutbahn gen Freyburg oder Naumburg und wechseln dann auf einen der schönen Wanderwege der Umgebung. Gerade im Herbst finde ich das Unstruttal ganz besonders zauberhaft. Das Gute liegt ja bekanntlich so nah und kostet nicht mal was. Die Region bietet so viele tolle Ziele, um hier mehrere Tage zu bleiben.
Ich bin ja auch immer fasziniert von den Menschen der Region, so war beispielsweise der Vampirismusforscher Michael Ranft (1700 bis 1774) Diakon in Nebra. Wer hat in dem wundervollen Ort Nebra – einer sogenannte Landstadt – denn noch so gewirkt und Spuren hinterlassen? Von wem wissen Sie, wessen Wege können Interessierte hier noch nachberühren?
Da ist ganz klar Hedwig Courths-Mahler zu nennen. Die ungekrönte Königin des Kitschromans wurde 1867 in Nebra geboren, arbeitete sich aus ärmlichsten Verhältnissen hoch und war Anfang des 20. Jahrhunderts die erfolgreichste Autorin Deutschlands. Wie keine andere unterhielt sie mit ihren Romanen und machte Frauen Mut. Brecht nennt sie eine große Realistin. Ihre Bücher wurden weltweit über 30 Millionen Mal verkauft. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich das Hedwig Courths-Mahler-Archiv in Nebra, das von ganz toll engagierten Frauen (Interessengemeinschaft „Nebra-Geschichte(n)-Erleben“) aufgebaut und seit diesem Frühjahr – ebenso wie das Heimathaus Nebra – besucht werden kann.
Kein Mensch ist eine Insel. Deshalb müssen wir, auch um das Bild zu vervollständigen, mal nachfragen, wie und mit wem Sie im Bahnhof Nebra so zusammenleben und -arbeiten. Das können Sie ja nicht alles allein stemmen …
Die Entwicklung und den Betrieb des Bahnhofs verantworte ich selbst. Ganz ohne Unterstützung geht es natürlich trotzdem nicht. Während der ersten Bauphase haben mir viele liebe Freunde beim Bauen geholfen. Inzwischen gibt es immer wieder Mitbautage, bei denen Interessierte mithelfen und wir gemeinsam ein Stück des Hauses weiterbringen – so etwa beim meditativen Streichen der Fenster. Als kleines Dankeschön gibt es einen Übernachtungsgutschein. Aktuell baue ich mir auch ein kleines Team auf für die Reinigung der Ferienzimmer. Für die Kulturveranstaltungen kann ich mir perspektivisch vorstellen, einen Verein zu gründen und die kulturelle Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Wer daran Interesse hat, darf sich sehr gern bei mir melden.
Danke, Frau Fischer, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben und Danke für den traumhaften neuen Kulturort.
Danke für die tollen Fragen und, dass ich Teil der Portraitreihe sein darf!
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
Veröffentlicht am 10. September 2026
© Foto(s): Jana Fischer privat