Eingabehilfen öffnen

Zum Hauptinhalt springen
Interview zur Heimatgeschichte "Winter 1987"

über Annett Kreil

Werdegang

  • Annett Kreil wurde 1981 in Querfurt geboren und wuchs in Kaiserpfalz/Memleben auf.
  • Für ihre Ausbildung zur Bankkauffrau zog sie nach München. Nach der Elternzeit machte sie ihre Leidenschaft für Literatur zum Beruf, unterstützt heute als ausgebildete Lektorin Autorinnen und Autoren und ist zudem als Literaturbloggerin tätig.
  • Annett Kreil schreibt und veröffentlicht unter dem Pseudonym Anne Weinhaus Regionalkrimis aus der Saale-Unstrut-Region. Bereits erschienen: „Spätlese – Lang lebe die Königin“ (08/2025). In Vorbereitung: „SILENTIA – Das Gift der Stille“ (Weihnachten 2026).

Weiteres

  • Die Landschaft der Saale-Unstrut-Region und das Elternhaus sind bis heute ein wichtiger Bezugspunkt ihres Schreibens.
  • Die Verbundenheit zu Land und Leuten ihrer Heimat bildet einen zentralen Bestandteil ihrer literarischen Arbeit.

Fangt nicht bei den großen Ereignissen an, sondern bei den kleinen Dingen

Interview mit Annett Kreil

Frau Kreil, Sie sind in Memleben aufgewachsen. Welche Bedeutung hat die Landschaft an der Unstrut für Sie und Ihr Schreiben?

Die Unstrut-Region ist für mich kein bloßer Schauplatz, sondern so etwas wie mein zweiter Erzähler. Ich bin Jahrgang 81 – ein geburtenstarkes Jahr – und durfte die ersten achtzehn Jahre an diesem wunderbaren Ort aufwachsen. Das betrachte ich heute als riesengroßes Geschenk. Wir waren viele Kinder im Ort und haben die meiste Zeit draußen in der Natur verbracht – es war unser eigenes Bullerbü, eine Zeit, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Aber das ist auch völlig in Ordnung so: Jede Retrospektive ist eine leichte Verklärung – und genau das ist mit ein Grund, warum eine Heimat so kostbar bleibt.

Der Fluss, der Damm, die Wiesen dahinter, der Blick zur Burg Wendelstein – das war die Kulisse, vor der Wetter und Jahreszeiten ablesbar wurden. Ich liebe diese Landschaft – die Weite, den Fluss, die Menschen. Und ich glaube, genau deshalb schreibe ich immer wieder Geschichten über meine Heimat: weil ich durchs Schreiben dorthin zurückkehren kann, auch wenn ich gerade woanders bin. Diese Gegend hat mir beigebracht, genau hinzusehen – und das ist bis heute die Grundhaltung meines Schreibens.

In Ihrer Geschichte erleben wir das Hochwasser ganz aus der Perspektive eines Kindes – zwischen Abenteuerlust, Neugier und dem vorsichtigen Blick der Erwachsenen. Wie wichtig war Ihnen diese kindliche Sichtweise?

Sehr wichtig – und sie hat sich mir eigentlich von selbst aufgedrängt. Ursprünglich wollte ich eine ganz andere Geschichte einreichen: Meine Oma hat mir nach ihrem Tod ihre Memoiren hinterlassen, mit dem Wunsch, dass ich irgendwann ein Buch daraus mache. Nur war ich unschlüssig, welche Stelle ich aus einem ganzen erzählten Leben für den Wettbewerb auswählen sollte.

Dann erinnerte ich mich an einen Moment: wie ich mit meiner Oma über den Hof lief und plötzlich dieses Gefühl da war – die innere Aufregung, die kindliche Neugier. Mir war sofort klar, worüber ich schreiben wollte: über diesen Widerspruch, den man als Kind in sich trägt. Neugier und ein leises Bedrohtsein zugleich. Die Welt erscheint einem manchmal übermächtig, und trotzdem will man genau dorthin, wo es passiert.

Was diesen Widerspruch auflöst, ist nicht das Fehlen der Angst, sondern das, was man ihr entgegensetzen kann: ein geschütztes Zuhause, altes Wissen, das Vertrauen der Erwachsenen. Meine Großmutter, die die Zeichen im Kartoffelkeller kannte. Der Hof, der Halt gab, während draußen der Wind stärker wurde. Aus dieser Sicherheit heraus konnte ich mich der Welt stellen, statt vor ihr zurückzuschrecken.

Das ist für mich das eigentliche Thema der Geschichte: Wie man mit kindlichen Eigenschaften – Neugier, Lebensfreude, Vertrauen – sich die Welt erobern kann, gerade weil man weiß, dass man zurückkehren darf. Ich sehe mich noch heute auf meiner Schaukel am Apfelbaum, die Nase in den Himmel gestreckt, der Blick durchs Grüne ins Blaue – so vertraut und frei zugleich. Genau dieses Wachsen aus Geborgenheit heraus wollte ich mit der kindlichen Perspektive einfangen.

Besonders eindrücklich sind die kleinen Beobachtungen: der Kachelofen, die Mandarinen aus der Dose, Gummistiefel und das kleine Plastikboot. Warum sind es gerade solche Details, die in Erinnerung bleiben?

Weil man sich als Kind nicht an Jahreszahlen erinnert, sondern an Sinneseindrücke: einen Geruch, eine Textur, einen Geschmack. Der Kachelofen zum Beispiel – ich hatte Monate zuvor beim Hänsel-und-Gretel-Spielen etwas hineingestopft, das die Hexe symbolisieren sollte, und als der Ofen im Stromausfall endlich brannte, stank das ganze Haus drei Tage nach Plastik. Ich bekam Ärger dafür, verstand aber gar nicht warum – ich hatte doch nur das Märchen nachgespielt. Ich glaube, ich habe als Kind ziemlich viel Blödsinn angestellt, und vielleicht sind meine Erinnerungen genau deshalb so lebhaft.

Oft kommen dazu erzählte Erinnerungen der Familie: „Weißt du noch, damals, als du …?“ Oder Fotos aus dem Album, die sich mit den eigenen Erinnerungen verbinden – manchmal passen Jahreszahl und Ereignis dabei gar nicht mehr zusammen. Ich musste tatsächlich selbst recherchieren, wann genau das Hochwasser war. So etwas weiß man als Kind einfach nicht – und genau deshalb sind es die kleinen, sinnlichen Details, die Erinnerungen wie alte Dias im Kopf erscheinen lassen.

Die Großmutter erkennt am Grundwasser im Kartoffelkeller, dass das Hochwasser kommen könnte. Welche Rolle spielen solche überlieferten Erfahrungen und das Wissen der älteren Generation in Ihren Erzählungen?
Eine ganz zentrale. Dieses stille, über Generationen weitergegebene Wissen hat mich schon als Kind fasziniert: dass man der Natur zuhören und die Zeichen nur ablesen muss.
Beide Großmütter haben mir viel über altes Nachkriegswissen und die DDR-Zeit beigebracht – eine Zeit, die vor allem von Verzicht geprägt war. Man musste improvisieren, haltbar machen, vorausdenken. Dieses Wissen wirkt heute fast anachronistisch, aber es steckt voller Klugheit.
Was würden Sie Menschen mitgeben, die ihre eigenen Erinnerungen an einen Ort, ihre Kindheit oder besondere Ereignisse bewahren möchten, aber noch nicht wissen, wie sie daraus eine Geschichte machen können?

Fangt nicht bei den großen Ereignissen an, sondern bei den kleinen Dingen: einem Foto, einem Geruch, einem Gegenstand, einem Satz, der hängen geblieben ist. Ich schreibe fast jeden Tag Morning Pages – Gedanken, Ereignisse, manchmal nur ein kurzer Satz, mit dem ersten Kaffee des Tages. Das ist mein kleiner Moment der Ruhe, bevor der Tag beginnt. Ab und zu mache ich dazu auch eine Übung, die ich von Doris Dörrie kenne: einfach den Satz „Ich erinnere mich an …“ weiterschreiben, ohne nachzudenken, ohne zu bewerten. So kommen oft die überraschendsten Bilder zurück – und ich kann Erinnerungen festhalten, die vielleicht einmal, so Gott will, meine Enkelkinder wissen möchten.

Es gibt inzwischen so schöne Journale und Erinnerungsbücher, die genau dabei helfen. Ich kann jedem nur raten: Nehmt euch die Zeit und schreibt eure persönlichen Eindrücke auf. Man vergisst leider so viel – und gerade durchs Aufschreiben wird man dankbarer für das eigene Leben. Es ist wie das innere Anlegen einer kleinen Schatzkiste. Etwas, das einem niemand mehr wegnehmen kann. Die Struktur, die Form kommt später von selbst. Wichtig ist nur, überhaupt anzufangen, bevor die Bilder verblassen.

Das Interview wurde geführt von Lion Hartmann
Veröffentlicht am 17. September 2026
© Foto(s): Annett Kreil privat