In Teil 13 der großen Interviewreihe bekommt der Kulturaktivator, Sänger und ProvinZZbanause Stephan Seitz aus Zeitz das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm über Musik, Verbindendes, das PRO in Provinz, die Sehnsucht und die Kraft, mit Freunden die Welt zu gestalten. Schließlich findet am 14. November in Zeitz in der Alten Stadtbibliothek wieder die BIBO-THEKEN-NACHT statt.
Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.

über Stephan Seitz
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Ein Statement für die vernachlässigte Provinz, gegen Kulturabbau ...
Interview mit Stephan Seitz
Guten Tag Stephan Seitz. Du bist der stellvertretende Vorsitzende des Zeitzer Vereins ProvinZZbanausen e. V., über den wir heute einmal ganz dezidiert reden wollen. Seit wann gibt es Euch denn überhaupt und warum habt Ihr Euch zusammengefunden?
Ja, also uns als Banausen gibt es seit 2024. Entstanden sind wir im Umfeld diverser Projekte rund um die Location der Alten Stadtbibliothek in Zeitz. Wir als ProvinZZbanausen e. V. möchten seitdem neue Räume für Kultur, Begegnung und gemeinsames Erleben öffnen. Wir bringen alternative Livekultur in die Region, unterstützen einheimische Kunst, fördern kulturelle Bildungsangebote und versuchen Freizeitangebote zu etablieren, die Freunde, Nachbarn, Nachtschwärmer, Interessierte, Neugierige, Kreative oder Suchende aller Generationen miteinander verbinden. Und weil Zukunft auch Herkunft braucht und Heimat auch durch Freiräume entsteht, setzen wir uns für den Erhalt schützenswerter Gebäude und besonderer Orte unserer Region ein.
Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Zeitz ein Hotspot der Independent- und Punk-Jugendkultur war, hier traten all die kleinen und großen Heldinnen und Helden der Szene auf und Bands gründeten sich. Dann gab es gefühlt einen Abriss. Was war geschehen?
Das lässt sich wie immer bei so etwas im Nachgang schwer analysieren. Fakt ist, dass vor allem das Muggefug als Hotspot damals viele Zeitzer geprägt hat. Und gewissermaßen war oder ist diese schmerzliche Lücke immer noch spürbar. Genau deshalb haben wir uns ja auch zusammengefunden, um solche Lücken wieder etwas zu schließen bzw. mit etwas Neuem zu füllen. Aber abseits haben viele ja trotzdem weiter gemacht: Ich denke da an das Projekt auf Kloster Posa, an das Septemberluft-Festival oder auch an das Goethe-Park-Festival. Also Bewegung war eigentlich immer, auch in Zeitz.
Die ProvinZZbanausen haben als Motto „Kunst braucht Raum“. Wie steht es damit in Zeitz? Gibt es genug Räume? Und gibt es auch Kunst, um diese Räume zu füllen? Woher kommt die Kunst denn? Wer macht sie? Und warum?
Ich denke, Zeitz hat hier schon ein gewisse Dynamik für alternative Kunst & Kultur. Neben oben genannten gibt es Räume für das tolle Kunstfest vom Kunstverein, es gibt tolle Initiativen wie das Stadtlabor, es gibt das R1, es gibt den Tresor, es gibt die Community SUGARCITY, den Uppsala Circus, den Seh-Song in Bockwitz, den Ziegenhof oder das Café zum Esel sowie neue Orte wie die Nudelfabrik – Eigentlich schon ein spannendes Pflaster hier… Wer das macht und warum? Geht hin! Fragt! Schaut Euch das selbst an!
Auf Eurer Homepage fand ich ein kleines Bild, auf dem steht: „Es ist die Zärtlichkeit, die wir retten müssen.“ Das klingt ja erst einmal gut, kannst Du uns dazu bitte etwas mehr erzählen?
Ja, das ist ein Motto aus der Bibo, welches wir auch immer bei unseren BIBO-THEKEN-NÄCHTEN inszenieren. Da steckt für uns alle viel drin: die Empathie, das Machen, der Antrieb im Müssen und ja auch eine gewisse naive Idee der Weltumarmung. Wer hier erstmal nicht gleich NEIN brüllt, stellt sich zumindest der Hoffnung nicht in den Weg. Das muss für Erste auch reichen…
Gerade alternative Jugendkultur hat es im Burgenlandkreis doch eher schwer. Woran liegt das und wie kann man das aufbrechen?
Boah, frag die Sozialwissenschaft! (Scherz) – Wer es einfach haben will, braucht ja eigentlich keine alternative Jugendkultur. Etwas aufbrechen kann generell nur die Sehnsucht nach was Stillendem, Erfüllendem. Wenn die Sehnsucht fehlt, bricht man selten was auf, hat mein geliebter Bruder mal gesagt. Recht hat er! Wir hatten glaub ich Sehnsucht nach irgendwie Gemeinschaft und Halt, abseits von Grau, ohne Schwarz-Weiss. Gerade an dem Ort wo wir leben, lieben und hadern. Nicht mehr und nicht weniger.
Euer jährliches Highligt ist die seit 2022 stattfindende Bibo-Theken-Nacht. Welchen Raum habt Ihr denn dafür gewinnen können? Und wer ist schon alles bei Euch gewesen?
Stimmt, wir als Verein haben diese DIY-Veranstaltungsreihe im schönen Zeitz in Gang gesetzt und das Live-Format einer „BIBO-THEKEN-NACHT“ gestartet, welches bereits 8 x (Acts u.a. Saitlinge & Singers, Cäthe, Clemens Meyer, Sascha Lange, Robert Stadlober, Paula Linke, Letkowski) in der wundervollen und besonderen Location der „Alten Stadtbibliothek“ in Zeitz stattfand. Das Konzept unserer Bibo-Theken-Nacht ist dabei denkbar einfach: In einer wirklich gemeinsam-liebevoll gestalteten Atmosphäre wird ein besonderer Live-Abend präsentiert, der sich hinsichtlich der Genregestaltung im Prinzip nicht festlegt, sondern einfach kunstvoll einen schönen Abend initiiert. Danach gibt es zum Ausklang einen schöne 90er-Indie-Dancefloor für alle Theken-Nacht-Gestalten. Im Prinzip geht es uns hier allen seit 2022 in Kurzform um den Erhalt der Live-Kultur, den Impuls für einen gemeinsamen Erlebnisraum abseits der Metropolen und die Liebe zu den „lauten Nächten des Seins“, die uns doch alle so sehr geprägt haben. Gerade in diesen aktuellen Zeiten ist diese Eventreihe natürlich auch weiterhin ein Statement für die vernachlässigte Provinz, gegen Kulturabbau, für die, die bleiben, für die, die suchen, für die Nische und für die Nacht …
Und wer ist noch so im Verein? Wer unterstützt Eure Arbeit?
Neben meinen Vorstandskollegen Sebastian & Sebastian sind wir aktuell zwölf Leute im Verein. Von Kunstlehrerin, Schauspieler, Musiker über Fotografin bis Versicherungsmakler ist eigentlich alles dabei. Das wichtige ist hier die Crew an sich und die gemeinsame Sehnsucht, wie oben beschrieben. Unterstützt werden wir u.a. von den Eigentümern der Alten Stadtbibliothek, dem Netzwerk aus Zeitz, aber auch z.B. von den Stadtwerken. Dafür mal 1.000 Dank an dieser Stelle!
Wo engagiert Ihr Euch denn noch so neben der Bibo-Theken-Nacht?
Also aktuell lag unser Hauptaugenmerk auf der Location der Alten Stadtbibliothek. In Zukunft planen wir vielleicht noch weitere Schritte, aber hey, wir sind doch erst ganz frisch auf dem Platz, mach ma keinen Stress. (schmunzelt aufrichtig)
Wir müssen natürlich auch auf Deinen musikalischen Hintergrund verweisen. Du singst ja auch. Bei wem denn, wann, und warum?
Ich singe bei den Saitlingen & Singers, einer Kleinkunstband um den Liedermacher Bernd Christen sowie den Schauspieler und Musiker Peter Schneider. Verstärkt mit sechs eleganten Singers interpretieren wir seit 2017 die Lieder des Songpoeten Gerhard Gundermann, Eigenes und auch Anderes als ganz spezielle Live-Unterhaltung in herzlicher Leichtigkeit. Egal ob Kleinkunstbühne, Lichtspieltheater oder unter freiem Himmel, unser Momentum ist dabei immer ein gemeinsames Gefühl: Unter uns zwölf Freunden, inmitten unseres Publikums und in der Liebe zur Poesie des Songs. Das Bandprojekt hat somit natürlich auch viele Schnittstellen mit dem Banausentum.
Die ProvinZZbanausen sind reines Ehrenamt, dies bedeutet aber, dass Du auch noch einen Brotjob brauchst, sonst wird das ja nichts mit dem vollen Kühlschrank. Glücklicherweise weiß ich, dass dieser auch kulturell verhaftet ist. Erzählst Du unseren Leserinnen und Lesern, was Du noch machts, bitte?
Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Kultur- und Festspielstadt Bad Elster, auf der „Festspielmeile der kurzen Wege“ aus sieben historischen Veranstaltungsstätten. Flaggschiffe hier sind das König Albert Theater und das NaturTheater. Dort verknüpfen wir Kultur und Tourismus bei ca. 1.000 Veranstaltungen pro Jahr zu einer ausstrahlenden Melange zwischen Kulturvermittlung, Unterhaltung und kulturellem Erbe. Einen Besuch für eine inspirierende Auszeit kann ich natürlich nur empfehlen!
Werdet Ihr als ProvinZZbanausen von der Zeitzer Stadtgesellschaft wahrgenommen, gar ausreichend unterstützt? Was wünschst Du Dir von den Zeitzernnen und Zeitzern?
Ich denke die Bibo bzw. unsere Bibo-Nächte werden durchaus positiv wahrgenommen. Wir haben bis jetzt auch keine Steine in den Weg gelegt bekommen. Von den Zeitzerinnen und Zeitzern wünsche ich mir nur einen Besuch der Eventreihe, um sich mal ein eigenes Bild zu machen. Und allgemein: Zeigt Interesse an den vielfältigen Initiativen, genießt auch mal das Abseitige und lasst den Kreativen etwas Freiraum, wenn es noch nicht ganz zur Sehnsucht reicht …
Du machst Dir ja auch Gedanken über den Transformationsprozess des Burgenlandkreises, wie ich weiß. Was, denkst Du, muss in die Hand genommen werden, damit unsere Region auch kulturell sichtbarer wird? An welchen Schrauben können wir drehen?
Ich glaube, wir müssen gar nicht zwingend mehr Kultur produzieren – vieles ist längst da. Die größere Aufgabe ist, das Vorhandene sichtbarer zu machen, Akteure besser miteinander zu verbinden und ihnen Räume zum Ausprobieren zu geben. Gerade im so oft kommunizierten Transformationsprozess sind Kunst und Kultur oder der kreative Umgang mit Herausforderungen essentiell. Denn auch das ist Teil der Transformation. Kultur schafft Identität, bringt Menschen zusammen, Kunst kann Leerstand nutzen und verändert den Blick auf eine Region – sowohl von innen als auch von außen. Und vor allem gilt es jetzt noch stärker endlich wieder das Positive zu besetzen. Das PRO in der Provinz zu stärken und nicht immer wieder dem Weltuntergangsgeheule zu verfallen. Der MBC ist doch toll, der Naumburger Dom ist gar nicht so schlecht (schmunzelt!) und die Dom- und Residenzstadt Zeitz hat kulturgeschichtlich einen hohen Wert. Und die Natur zwischen Saale und Elster hat einige schöne Ecken. Ich weiß, das klingt einfach und vielleicht naiv, aber darum geht es manchmal auch. Die schönste Musik ist immer in Moll und der Charme des Morbiden ist meist große Filmkunst. Wir brauchen kleine Initiativen, weniger Hürden und mehr Möglichkeiten, spontan etwas auf die Beine zu stellen: unkomplizierte Mikroförderungen, zugängliche Räume, Unterstützung bei Genehmigungen und Öffentlichkeitsarbeit. Gerade die Großstädte wie Leipzig, Halle oder auch Jena sind keine Konkurrenz, sondern ein riesiges kulturelles Umfeld direkt vor unserer Haustür. Wenn es gelingt, Künstlerinnen und Künstler, Kreative, Ideengeber oder Raumsuchende zu gewinnen, wird aus vermeintlicher Randlage plötzlich eine ziemlich interessanter Melting-Pot. Ja ich weiß, das klingt nur schön, aber na und! Klang verbindet auch die Welt und wir dürfen Erzählungen nicht den falschen überlassen. Lasst es uns erzählen!
Schlussendlich lass uns bitte in die Zukunft schauen: Wo siehst Du Zeitz kulturell in zehn Jahren?
Mannomann – erst die Region positivieren und jetzt noch die Glaskugel, Volly, die Mammutaufgabe und der Zauber vom große Interview! (lacht) Ich träume jetzt mal kurz, wegen der positiven Erzählung – Dazu kommt man doch sonst nie: Zeitz hat enormen Zuzug, da eine top Bahn- und Busverbindung im 15-Minutentakt Leipzig, Halle, Gera, Jena, Naumburg, Weißenfels etc. ansteuert. Familien, Studenten, Auszubildende und Naturliebhaber haben sich den Ort ausgesucht, weil Sie damit Arbeit und Wohnen bezahlbar harmonisieren konnten. Dadurch entstanden viele kleine neue Dinge: Eine Kunst-Kita, ein Reallabor als Nachbarschaftszentrum, mehrere Musik- und Danceclubs, eine Jazzkneipe, eine Hip-Hop-Garage und eine fast nahezu monatlich wechselnde Pop-Up-Gastronomie unterschiedlichster Geschmacksrichtungen. Selbst die zahlreichen Reisegruppen auf den Spuren des Bistums und des Herzogtums nutzen regelmäßig diese besondere Atmosphäre der Stadt. Ach ja, und der 1. FC Zeitz spielt jetzt in dritten Liga um den Aufstieg, hoffentlich klappts nicht….
Danke Stephan, dass wir uns mal wieder unterhalten konnten. Und weiterhin ein so selbstbestimmtes Leben.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
Veröffentlicht am 24. September 2026
© Foto(s): Reiner Eckel