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In Teil 10 der großen Interviewreihe bekommt die Vernetzerin, Veranstalterin, Kulturakteurin und Ehrenamtliche Frau Dr. Karin Reglich aus Schleberoda das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit über das ihre persönlichen Hintergründe, Wünsche und Hoffnungen, ihre vielfältige ehrenamtliche Tätigkeit, Staffelstabübergaben und Herausforderungen für unsere Region.

Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.

"Ohne persönliches Engagement wird es auch in Zukunft nicht gehen."

über Dr. Karin Reglich

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Ohne persönliches Engagement wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Interview mit Dr. Karin Reglich

Guten Tag Frau Dr. Karin Reglich. Schleberoda, Ihr Mittelpunkt im Ehrenamt, wurde 1308 erstmals als Slaverenrode urkundlich erwähnt, weil ein Sorbe namens Slavomir hier Land gerodet hat, die Bäume fällte. Nun erfuhr ich, dass Ihre Familie hier schon seit mehreren Generationen ansässig ist. Seit wann denn eigentlich und wie viele Generationen waren das?
Ebenfalls einen guten Tag, Herr Tanner. Zum Ortsnamen - man deutet es so, aber Gewissheit haben wir darüber leider (noch) nicht. Ja, meine Familie ist mütterlicherseits sehr alteingesessen, auch immer im selben Haus - ungefähr zurückverfolgen lässt es sich bis mindestens ins 17. Jahrhundert. Ich möchte es gern mal aufarbeiten, habe es bisher aber leider noch nicht geschafft. Den diesjährigen Ortschronistenkurs des Landesheimatbundes habe ich wenigstens schon mal belegt. Mein Vater ist durch den Krieg hier gelandet, seine Familie siedelte in Polen und fand hier eine neue Heimat.
Geboren wurden Sie selbst aber in Naumburg. Wie kam es, dass Sie wieder nach Schleberoda zogen?
In Naumburg war einfach das zuständige Krankenhaus. Hausgeburten gab es in den 60er Jahren eigentlich nicht mehr. Meine Brüder, geboren in den 50er Jahren, waren jedoch selbstverständlich echte Schleberodaer.
In einem Zeitungsartikel von 2023 stand, dass Sie im Gemeinderat Freyburg, dem Verbandsgemeinderat Unstruttal, dem Kreistag, agieren. Dazu noch sind Sie Gründungsmitglied des Heimatvereins Schleberoda, waren damals auch Vorsitzende des Fördervereins Welterbe an der Saale und Unstrut, daneben auch im Förderverein Johann-Georgen-Kirche Schleberoda, dazu engagiert im Tierschutz, als Wanderwegwartin in Freyburg sowie in der Bürgerinitiative gegen die Stromtrasse durch die Saale-Unstrut-Region. Wo sind Sie denn derzeit aktiv? Der Artikel ist ja auch schon drei Jahre alt.

Ja, wenn man sich entscheidet, ehrenamtlich tätig zu sein, kommt meist einiges zusammen. Das werden Sie bei vielen Aktiven im Burgenlandkreis so vorfinden. Einiges habe ich abgegeben oder bin etwas in den Hintergrund getreten. Generationenwechsel müssen sein und Verantwortung möchte ich auch langsam hier und da abgeben und nicht erst mit 70, sondern koordiniert Stück für Stück. Ich habe den Sitz im Verbandsgemeinderat aufgegeben und bin im Tierschutz und im Heimatverein (jetzt Dorfgemeinschaft Schleberoda e.V.) aus den Vorständen ausgeschieden. Die BI war eine schöne und zum Glück auch erfolgreiche Sache und der Vorteil einer BI ist ja auch, wenn das Ziel erreicht ist, kann man sie unbürokratisch auflösen.

Aktiv bin ich nach wie vor im Gemeinderat Freyburg als Fraktionsvorsitzende und eine der stellvertretenden Bürgermeister, im Kreistag ebenfalls. Hier darf ich den Bildungs-Kultur- und Sportausschuss leiten.

Der Förderverein Welterbe ist nach wie vor aktiv, natürlich nicht mehr in dem Umfang wie vor 2018 und mit geänderten Aufgaben. Wir haben mit dem Welterbewandertag und dem WelterbeKlangKonzert zwei gut etablierte Veranstaltungsformate , die in der Region sehr geschätzt werden. Zur Zeit bearbeiten wir auch noch ein LEADER-Projekt zur hiesigen Kulturlandschaft und haben noch einige Pläne umzusetzen.

Im Kirchenförderverein Schleberoda bin ich auch aktiv. Wir haben sehr schöne Veranstaltungen mit deren Erlös wir die Kirchensanierung finanziell unterstützen.

Unser gemeinsamer Bekannter Lion Hartmann erzählte mir, dass Sie auch in der Jury der „Heimatgeschichten“ mitmachen. Welche Heimatgeschichten haben Sie denn als besonders wertvoll empfunden und warum?

Mich hat am Tiefsten die Erzählung von Annett Kreil „Winter 1987“ über das Hochwasser in Wendelstein beeindruckt. Diese Geschichte hat alles, was für mich eine gute Heimaterzählung ausmacht: Lokalkolorit, ein spannendes Thema und eine anrührende Sprache. Und sie war vor allem kurzweilig und sehr gut lesbar.

Gefreut habe ich mich aber auch über die anderen Einsendungen und die so sehr verschiedenen Herangehensweisen der Autoren und Autorinnen - was für sie Heimatgeschichte bedeutet - zum Beispiel Herr Reschkes Erzählung „Beim Schrei des Käutzchens“ zu den Ereignissen im Oktober 1813. Das ist schon eher ein Roman …

Es gibt Mundartlesungen, bei denen Sie Fäden ziehen. Können Sie uns bitte dazu etwas mehr erzählen?

Wir beteiligen uns mit dem Dorfgemeinschaftshaus Schleberoda als Leseort schon seit mehreren Jahren am ehemaligen Literaturherbst des Burgenlandkreisen, jetzt KUMBRA. Meist suche ich die Autorinnen oder Autoren selbst aus und wir bewerben uns mit der Veranstaltung beim Burgenlandkreis. Bisher hat es immer geklappt.

In diesem Jahr habe ich Helga Daniel aus Mücheln angefragt. Sie war mir schon länger bekannt als Autorin mehrerer sehr amüsanter Büchlein zur Müchelner Mundart. Das Verstehen und Sprechen der hiesigen Mundart gerät leider immer mehr in Vergessenheit und mit der um einen „kleinen Sprachkurs“ erweiterten Lesung möchten wir Spaß und Lust daran wecken. Auch hier möchte ich gerne den Landesheimatbund nennen. Unter seinem Dach finden in anderen, nördlichen, Regionen Sachsen-Anhalts Mundartworkshops und weitere Veranstaltungen zur Thematik statt, vielleicht können wir hier einen kleinen Beitrag aus dem Süden leisten.

Bei all dem Ehrenamt ist da ja auch noch ein ausfüllender Beruf, soweit ich informiert bin. Tierärztin geht ja nicht als Minijob. Wie händeln Sie Ihre Aktivitäten rein organisatorisch. Die Familie möchte doch auch noch etwas Zeit mit Ihnen haben. Ihre beiden erwachsenen Söhne beispielsweise …
Meine Familie kennt es nicht anders. Als meine Söhne klein waren, haben mein Mann und die Großeltern im Haus mit aufgepasst und man sollte auch die Selbständigkeit von Kindern nicht unterschätzen. Ich komme vom Bauernhof. Meine Eltern saßen nicht im Haus bei uns Kindern, sie hatten bis abends zu tun und ich empfand das immer als sehr angenehm. Außerdem habe ich natürlich Rücksicht auf die Kinder und später auf meine hochbetagten Eltern genommen. Meine Praxis ist auf dem Familienhof und ich habe meine Arbeitszeiten entsprechend reduziert gestaltet. Alles eine Frage der Organisation … aber ja, oftmals war ich natürlich unterwegs. Vieles konnte ich dennoch tagsüber erledigen: Telefon und Mail sind da ein Segen und auf viele repräsentative Feiertermine habe ich eben verzichtet.
In Schleberoda leben laut Wikipedia 183 Menschen. So viele Menschen leben in der Innenstadt von Leipzig allein in der Ritterstraße 12, vielleicht sogar mehr. Was treibt Sie an, sich für und in Schleberoda ehrenamtlich so zu engagieren?
Es sind zur Zeit sogar nur noch um die 160 Personen. Es ist so: Ich mache das ja schon seit den 90er Jahren, seitdem ich wieder aus Leipzig vom Studium zurückgekommen bin. Wenn Sie in so einem kleinen Ort nichts in Eigeninitiative anschieben, wird niemand kommen und Sie nach Ihren Bedürfnissen und Wünschen fragen, einfach weil Ihre Lebenswelt nicht bekannt ist. Sie müssen sich melden und präsent sein, sonst werden Sie nicht wahrgenommen. Wir haben nach der Wende einen Großteil der Infrastruktur verloren (Kindergarten, Konsum, Post, Gaststätte, Wohnblock, zum Schluss 2009 die Selbständigkeit). Auf was soll man da warten? Mein Spruch ist da immer: Wer nicht wirbt – verdirbt …
In dem Beitrag in der Zeitung von 2023 äußerten Sie den Wunsch, dass sich auch Jüngere im Engagement wiederfinden und das Geschaffene erhalten bleibt. Was ist aus diesen Wünschen geworden? Wie stehts mit dem ehrenamtlichen Nachwuchs?
Das sagte ich ja schon, wir sind mitten im Generationenwechsel. Der ehemalige Heimatverein hat sich 2025 sehr vergrößert auf ungefähr 50 Mitglieder, darunter auch viele jüngere. Sie übernehmen jetzt die Vereinsarbeit und Gestaltung des Dorflebens. Das läuft also gut weiter und uns „Alten“ bleibt hoffentlich endlich Muße für Recherchearbeiten zur Dorfgeschichte zum Beispiel. Kommunalpolitisch hoffe ich noch auf Nachfolger, Präsenz im Gemeinderat ist für die kleinen Ortsteile sehr wichtig, um gehört zu werden. Da ist aber noch Zeit bis 2028.
Wenn Sie zurück schauen in die vielen Jahre Ihres Engagements. Welches war der größte Brocken, der zu stemmen war? Und warum?

Das nächste Projekt ist immer der größte Brocken … nee, am kräftezehrendsten habe ich die Arbeit in der Bürgerinitiative „Keine Zerstörung der Saale-Unstrut-Region durch die Stromautobahn SüdOstLink“ empfunden. Es waren Unmengen an Recherche, Stellungnahmen, Überzeugungsarbeiten und Zusammenkünften zu leisten, immer mit Terminen und Argumentationserfordernissen im Nacken. Ich habe beim Mailsortieren vor kurzem den Schriftverkehr dazu gesichtet, manchmal kann ich es selbst kaum glauben, was wir da geackert haben. Als ich dann in Weißenfels bei der Vorstellung des endgültigen Trassenkorridors zum ersten mal Schwarz auf Weiß sah, dass die Planung tatsächlich geändert worden war - nicht mehr quer durch den Naturpark und direkt durch die Weinberge bei Goseck - konnte ich es kaum glauben. Ob unsere Arbeit tatsächlich den Ausschlag zur Planungsänderung gegeben hat, weiß ich nicht. Aber geschadet hat sie auf keinen Fall und ich habe immer gedacht, wenn die BI es nicht schaffen sollte, die Planung zu ändern, so haben wir es doch wenigstens versucht und können ruhigen Gewissens die Entscheidung akzeptieren.

Mein anderer großer Brocken, schon seit inzwischen über 20 Jahren, ist die Schaffung einer vernünftigen Radwegeverbindung zwischen dem Unstruttal und dem Geiseltal. Da bin ich immer noch dran. Mal sehen …

Und wo hängt Ihr Herz am Engsten dran?
An meiner Familie und meinem Freundeskreis, meiner schönen Heimat im weiteren Sinne und natürlich an meinem Beruf und projektmäßig auch ein wenig an der Sommergalerie in Schleberoda.
Der Burgenlandkreis, spezieller die Saale-Unstrut-Region, ist reines Entdeckerland, hier wurzeln kulturelle Bäume, die unsere Identität als Gemeinschaft nähren. Wenn Sie Menschen aus anderen Regionen zu Gast haben, wohin wandern Sie mit ihnen, was zeigen Sie ihnen? Und warum?

Da versuche ich erstmal herauszufinden, wofür sich die Gäste besonders interessieren. Mir fällt dann eigentlich für jeden Geschmack etwas ein: von Natur pur auf dem Rödel oder bei Laucha, Bad Bibra und Nebra, gerne auch unbekanntere Ecken, etwa um Tröbsdorf (herrliche Höfe, Natur und haben Sie schon mal die wundervollen Tore in Bergwinkel gesehen?) herum oder Richtung Elstertal (Haynsburg und Natur und Supercafé in Wetterzeube) bis zum Theaterbesuch in Naumburg. Schulpforte (meine Jungs waren dort und haben sich sehr wohl gefühlt und es gibt immer etwas zu entdecken, beispielsweise ein rührender Grabstein für den Schulkater) und Umgebung muss immer sein. Die Nietzsche-Orte sind auch überraschend interessant und sehenswert (Ich würde die Leute sogar nach Pobles schleppen, ein toller Kunstraum) und Lützen und Weißenfels (überraschende Ecken mit schöner Architektur und tolle Veranstaltungen) und Naumburg, und die Wenzelskirche zum Mittagskonzert und und und … unser Dorf alleine reicht schon locker für zwei Stunden Unterhaltung.

Ich spreche auch gerne spontan unschlüssige Touristen in Freyburg oder Naumburg an und frage, ob ich was helfen oder empfehlen kann. Sie sollen spüren, dass wir Freude daran haben, dass sie hier sind und vor allem, dass sie wieder kommen sollen oder noch jemanden mitbringen ...

Gibt es Hoffnungen, die Sie mit unserer Region verbinden? Wenn ja, welche?

Ich hoffe, dass die Menschen weiterhin hier ihr Auskommen haben und wir irgendwie die kommunalpolitische Kurve kriegen. Im Moment sieht es ja eher finanziell düster aus, da alle Ebenen unterfinanziert sind, ohne Aussicht auf Verbesserung. Aber ohne halbwegs verlässliche Infrastruktur und Versorgung werden wir irgendwann auch im Bereich Tourismus Schwierigkeiten bekommen. Da kann man eben nur hoffen, das dies nicht eintritt.

Ansonsten hoffe ich, das die nachfolgenden Generationen auch auf ihre Art Erfolg haben mit ihren Projekten. Lassen wir uns überraschen.

Vernetzung ist das A & O funktionierender ehrenamtlicher Arbeit. Dazu braucht es dann noch Ideen, die umsetzbar sind und beim Publikum, bei den Menschen, auf fruchtbaren Boden fallen. Was fehlt noch, Ihrer Meinung nach, in unserer Region? Und wie können diese Leerstellen gefüllt werden?

Es gibt in der Region eine Menge toller und gut funktionierender Netzwerke. Wahr ist natürlich auch, das oftmals Akteure verschiedener Ebenen und Kreise nichts voneinander wissen. Das eine Patentrezept gibt es leider nicht für eine gute Idee. Man muss es rausfinden.

Ich meine, wir haben schon eine Menge guter und ausreichend Veranstaltungen in der Region, für nahezu jeden Geschmack. Im Burgenlandkreis haben wir mit der Ehrenamtskoordination und der Kulturförderung schon einige Unterstützung, die erreicht aber natürlich nicht alle gleichermaßen.

Für mich ist eher die Teilhabe ein Problem: Viele Veranstaltungen in den Städten sind vom Umland aus leider nur durch eigene Fahrzeuge erreichbar, also für junge Leute oder Ältere kaum machbar. Generell ist kontinuierliche Jugendarbeit außerhalb der drei größeren Städte aus finanziellen Gründen kaum möglich, auf den Dörfern gar nicht. Eine Lösung habe ich leider aktuell nicht parat.

Hier kommen wir wieder zum Anfang: Auf den Dörfern wird meist selbst und ohne große Netzwerkerfordernis Kultur gemacht und werden Ideen umgesetzt. Ich selbst nutze sehr gerne verschieden Netzwerke, etwa den Landesheimatbund, das Netzwerk Stadt Land, die ASG, jetzt auch das Ortschronistennetzwerk des BLK, den SUT, Kunstvereine usw., auch hier hilft Präsenz auf verschiedenen Ebenen: über Workshops, Ausstellungen, Konzerte. Und auch politische Treffen sind ganz wichtig. Im Allgemeinen hoffe ich, dass auch jüngere Menschen Freude am Ehrenamt entwickeln, vielleicht auf andere Weise als meine Generation und mit anderen Vorstellungen. Aber ohne persönliches Engagement wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Danke, Frau Dr. Karin Reglich, für Ihre Antworten und für Ihr wirklich herausragendes Engagement für unsere Region.
Ich danke ebenfalls und möchte gern noch dazu sagen: Andere machen auch viel.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
© Foto(s): Patrick Cebulla (Einwandfrey)