
über Felix Staacke
Werdegang
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* 2002 in Naumburg
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seit 2021 Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Lehramt für das Gymnasium Informatik und Geschichte
Weiteres
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seit 2018 DRK Kreisverband Naumburg/Nebra e.V.
Wo einst Domfreiheit und Ratsstadt aufeinandertrafen, kommen heute Menschen zusammen
Interview mit Felix Staacke
Sie sind in Naumburg aufgewachsen und leben auch während Ihres Studiums weiterhin hier. Wie hat Ihre Heimatstadt Ihr Interesse an Geschichte geprägt?
Ich bin in Naumburg geboren, aufgewachsen und habe dort auch am Domgymnasium mein Abitur abgelegt. Seit 2018 engagiere ich mich ehrenamtlich im DRK-Kreisverband Naumburg/Nebra e. V. und studiere seit 2021 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena die Fächer Geschichte und Informatik für das Lehramt Gymnasium. Obwohl mich das Studium täglich nach Jena führt, habe ich versucht, mein Studium stets mit meiner Heimatregion zu verbinden. So konnte ich beispielsweise mein Praxissemester am Burgenlandgymnasium in Laucha absolvieren und mich im Rahmen mehrerer Seminararbeiten mit Themen der Naumburger Geschichte beschäftigen.
Mein Interesse an Geschichte wurde dabei maßgeblich durch das geprägt, was die Geschichtsdidaktik als Geschichtskultur bezeichnet. In Naumburg begegnet man Geschichte nicht nur im Museum oder im Schulbuch, sondern im Alltag. Die spätmittelalterliche Altstadt, der Dom, historische Gebäude, Denkmäler, Gedenktafeln und selbst Straßennamen erinnern ständig daran, dass man sich in einer historisch gewachsenen Stadt bewegt. Viele historische Fragestellungen ergeben sich dabei zunächst ganz beiläufig. So habe ich mich beispielsweise vor ca. 4 Jahren erst näher mit dem Naumburger Bürgermeister und Chronisten Sixtus Braun beschäftigt, nachdem mir der Straßenname der Sixtus-Braun-Straße aufgefallen war und ich wissen wollte, nach wem diese benannt wurde.
Warum haben Sie sich entschieden, die Geschichte des Naumburger Lindenrings und der mittelalterlichen Stadtteilung zu erforschen?
Die Beschäftigung mit der Geschichte Naumburgs hat sich während meines Studiums gewissermaßen wie ein roter Faden durch verschiedene Seminararbeiten gezogen. Wann immer es thematisch möglich war, habe ich versucht, Fragestellungen mit Bezug zu meiner Heimatstadt aufzugreifen. So bot sich mir im Sommersemester 2025 im Rahmen eines Hauptseminars zu spätmittelalterlichen Städten in Thüringen die Möglichkeit, die Entwicklung Naumburgs im Mittelalter näher zu untersuchen. Dabei rückte insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen dem Bischof, dem Domkapitel beziehungsweise der Domfreiheit und der sich zunehmend emanzipierenden Ratsstadt in den Mittelpunkt meines Interesses.
Im Zuge der Recherche wurde mir bewusst, welche zentrale Bedeutung dem Herrengraben zukam. Er markierte die Grenze zwischen dem älteren Siedlungskern rund um den Dom, der sogenannten Domfreiheit, und der später entstandenen Ratsstadt. An diesem Ort lassen sich die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Konflikte zwischen beiden Stadtteilen besonders anschaulich nachvollziehen. Besonders interessant fand ich dabei, dass der Herrengraben auf ein Urteil des Rates zu Merseburg aus dem Jahr 1363 zurückgeht. In diesem Zusammenhang wurde angeordnet, das Herrentor weiter zu befestigen und einen Graben auszuheben, der mit eingerammten Pfählen gesichert werden sollte. Der Herrengraben bildete damit nicht nur eine sichtbare Trennlinie zwischen beiden Stadträumen, sondern zugleich eine rechtliche und wirtschaftliche Schnittstelle. Während die Märkte der Ratsstadt auf dem Marktplatz abgehalten wurden, waren die Bewohner der Domfreiheit gezwungen, das Herrentor zu passieren, um an diesen teilzunehmen. Der Ort trennte somit beide Stadtteile voneinander und verband sie gleichzeitig im alltäglichen Austausch.
Heute ist dieser historische Grenzraum kaum noch erkennbar, da der ehemalige Herrengraben überbaut wurde und sich an seiner Stelle der Lindenring befindet. Gerade dieser Umstand hat mein Interesse geweckt. Mit meiner Untersuchung wollte ich deshalb nicht nur an die historische Bedeutung des Herrengrabens erinnern, sondern auch zeigen, dass sich Stadtgeschichte oft an Orten nachvollziehen lässt, die im heutigen Stadtbild zunächst unscheinbar wirken.
Viele Menschen überqueren den Lindenring täglich, ohne seine historische Bedeutung zu kennen. Was macht diesen Ort aus Ihrer Sicht so besonders?
Aus historischer Sicht finde ich besonders spannend, dass der Lindenring heute ein Ort der Begegnung ist, obwohl er im Spätmittelalter eine Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Stadtteilen darstellte. Wo einst Domfreiheit und Ratsstadt aufeinandertrafen und ihre jeweiligen Interessen aushandelten, kommen heute Menschen ganz selbstverständlich zusammen. Das zeigt sich etwa beim Hussiten-Kirschfest, bei „Advent in den Höfen“ oder anderen Veranstaltungen im Stadtzentrum.
Zugegeben klingt diese Vorstellung zunächst etwas abstrakt. Ein etwas anschaulicheres Beispiel ist hierbei der teils aufgeschüttete, teils noch originale Stadtgraben während dem Hussiten-Kirschfest. Dort finden sich Hussitenlager oder die Nachstellungen historischer Ereignisse, etwa des Sturms auf die Schönburg. Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine Rekonstruktion vergangener Wirklichkeit, sondern um Formen moderner Geschichtskultur: durch die bildliche Darstellung einen Eindruck gewinnen, der sich aufgrund der Selbsterfahrung als Zuschauer als Erinnerung (hoffentlich auch an den historischen Hintergrund?) im Gehirn abspeichert. Dennoch zeigen sie, wie historische Orte auch heute noch als Räume gemeinsamer Erinnerung und öffentlicher Auseinandersetzung genutzt werden können.
Welche Konflikte zwischen Domfreiheit und Ratsstadt waren für die Entwicklung Naumburgs am prägendsten?
Das hängt sicherlich davon ab, welchen Aspekt der Stadtgeschichte man betrachtet. Aus wirtschaftlicher Sicht würden andere Konflikte in den Vordergrund treten als aus rechtlicher oder politischer Perspektive. Im Zusammenhang meiner Untersuchung zur mittelalterlichen Stadtteilung würde ich jedoch vier Entwicklungen beziehungsweise Konfliktfelder als besonders prägend hervorheben. Zunächst ist bereits die Entstehung des Stadtrates selbst von großer Bedeutung. Der Naumburger Bischof war nicht nur geistliches Oberhaupt, sondern zugleich Stadtherr. Ihm oblagen damit ursprünglich zentrale Verwaltungsaufgaben sowie die Nieder- und Hochgerichtsbarkeit. Im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts wurden jedoch immer mehr dieser Aufgaben an lokale Amtsträger delegiert. Mit dem erstmals 1305 nachweisbaren Stadtrat entstand ein Organ, das zunehmend Verantwortung für die Verwaltung der Stadt übernahm. Damit entwickelte sich neben der geistlichen Herrschaft ein eigenständiger politischer Akteur innerhalb Naumburgs.
Ein zweiter wichtiger Schritt war das wachsende Selbstbewusstsein der Ratsstadt. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Huldigungsverweigerung gegenüber einem neu gewählten Bischof. Der Rat war nicht länger bereit, Herrschaftsansprüche widerspruchslos anzuerkennen, sondern knüpfte seine Zustimmung zunehmend an die Bestätigung bestehender Rechte und Privilegien. Daran wird sichtbar, dass die Ratsstadt sich nicht mehr nur als Untertan der bischöflichen Herrschaft verstand, sondern eigene politische Interessen vertrat.
Drittens zeigen die Konflikte der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, dass viele Streitigkeiten nicht mehr allein innerhalb der Stadt gelöst werden konnten. Besonders aufschlussreich ist hier das Urteil des Rates zu Merseburg von 1363, das zahlreiche Konfliktpunkte zwischen Domfreiheit und Ratsstadt neu regelte. Dazu gehörten Fragen der Gerichtsbarkeit, der wirtschaftlichen Nutzung sowie der territorialen Abgrenzung. Auch spätere Auseinandersetzungen um Handel, Braurechte oder gewaltsame Übergriffe verdeutlichen, wie angespannt das Verhältnis teilweise war. Einzelne Streitigkeiten wurden sogar bis vor übergeordnete Herrschaftsträger getragen.
Letztlich führten diese Entwicklungen dazu, dass sich Domfreiheit und Ratsstadt immer stärker als eigenständige Rechts- und Verwaltungsräume herausbildeten. Der Bischof blieb zwar formal Stadtherr von Naumburg, doch in der Praxis verfügten sowohl die Domfreiheit als auch die Ratsstadt über erhebliche Selbstverwaltung. Aus meiner Sicht liegt genau darin die langfristige Bedeutung dieser Konflikte: Sie trugen dazu bei, dass sich Naumburg von einer überwiegend geistlich geprägten Bischofsstadt zu einer Doppelstadt entwickelte, in der unterschiedliche Herrschafts- und Rechtsräume dauerhaft nebeneinander bestanden.
Gab es während Ihrer Recherche eine Erkenntnis, die Sie selbst überrascht oder Ihre Sicht auf die Naumburger Stadtgeschichte verändert hat?
Sie erwähnen digitale Angebote wie elektronische Guides oder 4D-Anwendungen. Wie könnte eine moderne Vermittlung der Stadtgeschichte konkret aussehen?
Ich denke, dass die Voraussetzungen für eine moderne digitale Vermittlung der Naumburger Stadtgeschichte heute so gut sind wie vielleicht nie zuvor. Zu vielen Themen existiert bereits eine bemerkenswerte Bandbreite an Informationen. Angefangen bei wissenschaftlichen Publikationen und Archivbeständen über Heimatforschung und Ortschroniken bis hin zu digitalen Angeboten, Ausstellungen oder touristischen Informationsmaterialien. Dabei richten sich diese Informationen an ganz unterschiedliche Zielgruppen: Schülerinnen und Schüler, Touristinnen und Touristen, allgemein geschichtsinteressierte Bürgerinnen und Bürger, aber auch an Ortschronisten oder wissenschaftlich arbeitende Heimatforscher.
Gerade deshalb finde ich es manchmal schade, dass viele dieser Informationen zwar vorhanden sind, aber oft nur schwer auffindbar bleiben. Häufig steckt hinter lokalen Forschungsprojekten, Vereinsarbeiten oder Publikationen ein erheblicher Rechercheaufwand. Gleichzeitig sind die Ergebnisse für Außenstehende oft nicht unmittelbar sichtbar oder verschwinden hinter Archiven, älteren Veröffentlichungen oder den hinteren Seiten einer Suchmaschine. Dabei handelt es sich häufig um Erkenntnisse, die für das Verständnis der Stadtgeschichte sehr wertvoll sein können. Digitale Anwendungen könnten hier eine Art Brücke zwischen Forschung und Öffentlichkeit schlagen. Statt Informationen nur in Büchern, Aufsätzen oder einzelnen Webseiten vorzuhalten, könnten sie direkt an die Orte gebunden werden, auf die sie sich beziehen. Wer beispielsweise durch die Innenstadt spaziert, könnte über einen digitalen Stadtführer unmittelbar erfahren, welche historischen Ereignisse sich an einem bestimmten Ort abgespielt haben oder wie dieser Ort früher aussah.
Besonders spannend finde ich dabei sogenannte 4D-Anwendungen, wie sie beispielsweise im Umfeld von UrbanHistory4D entwickelt werden. Das Besondere an diesen Projekten ist, dass sie nicht nur den dreidimensionalen Raum, sondern zusätzlich die zeitliche Entwicklung eines Ortes berücksichtigen. Vereinfacht gesagt entsteht dadurch eine digitale Stadt, in der man nicht nur zwischen verschiedenen Orten, sondern auch zwischen verschiedenen Epochen wechseln kann.
An welchen lokalhistorischen Themen möchten Sie künftig weiterforschen?