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Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.

In Teil 5 der großen Interviewreihe bekommt die Geschäftsführerin und Museumsleiterin des Friedrich-Ludwig-Jahn-Museums in Freyburg (Unstrut) Dr. Norma Henkel das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihr über das Museum, die Geschichte und Ambivalenz des Turnvaters Jahn, Zukünftiges und Demokratie in Zeiten der Veränderung.

"Wir brauchen Orte, die Differenzierung ermöglichen."

über Dr. Norma Henkel

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Wir brauchen Orte, die Differenzierung ermöglichen.

Interview mit Dr. Norma Henkel

Guten Tag, Frau Dr. Norma Henkel. Sie sind unter anderem die Museumsleiterin des Friedrich-Ludwig-Jahn-Museums in Freyburg. Hier leisten Sie mit Ihrem Team eine auch weit außerhalb der Region vielbeachtete Arbeit. Ihre Dauerausstellung #lebenundwirken befasst sich mit den unterschiedlichsten Aspekten der heutzutage gern auch diskussionswürdigen, zu Lebzeiten jedoch fortschrittlichen und aktivierenden Persönlichkeit des Turnvaters. Wie gehen Sie in Ihrem Hause mit der Ambivalenz der heutigen Rezeption des Wirkens Friedrich Ludwig Jahns um? Welches ist Ihr Ansatz?
Die Auseinandersetzung mit Friedrich Ludwig Jahn ist heute durchaus von Ambivalenzen geprägt – und genau darin liegt auch eine große Chance. Unser Ansatz ist es, Jahn weder zu glorifizieren noch zu verurteilen, sondern ihn in seinem historischen Kontext zu verstehen und zugleich kritisch zu befragen. In allen Zeiten nach Jahns Tod hat man sich an seinem Werk bedient, wie man es gerade brauchte. Diese spätere Überprägung – insbesondere im Zuge der Instrumentalisierung Jahns durch die Nationalsozialisten – macht es schwierig, die historische Person hinter diesem Schleier objektiv zu bewerten.
Wir zeigen ihn als historische Persönlichkeit seiner Zeit: als Begründer der Turnbewegung in Deutschland unter napoleonischer Besatzung sowie als Wegbereiter demokratischer Ideen, aber auch als jemanden, dessen Denken nach heutigen Wertmaßstäben problematische Haltungen enthielt. Unser Museum lädt dazu ein, sich aktiv mit diesen Spannungsfeldern im historischen Kontext auseinanderzusetzen und sowohl die Bedeutung Jahns für die Turn- und Sportgeschichte als auch für die deutsche Nationalgeschichte zu verstehen. Gerade als Ort der Demokratiegeschichte verstehen wir uns als ein lebendiger Erinnerungs- und Lernort, der die Entwicklung demokratischer Ideen im Zusammenhang mit der Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts anschaulich vermittelt und zur Diskussion einlädt.
Jahn, so erfuhr ich, hatte eine sechsjährige Kerker- und Festungshaft zu erleben. Was wurde ihm damals zur Last gelegt und wie muss ich mir die Zustände damals in Haft vorstellen?
Jahn wurde nach den sogenannten Karlsbader Beschlüssen 1819 verhaftet, weil die Obrigkeit ihn als politischen Unruhestifter („Demagogen“) und geistigen Wegbereiter nationaler und liberaler Bewegungen betrachtete. Ihm wurde vorgeworfen, durch seine Ideen und Schriften die bestehende Ordnung zu gefährden.
Die Haftbedingungen waren aus heutiger Sicht hart, aber nicht durchgehend unmenschlich im engeren Sinne. Es handelte sich um Festungshaft, die sich von gewöhnlicher Gefängnishaft unterschied. Später wurden die Bedingungen auch gelockert. Dennoch bedeutete die Haft für Jahn eine jahrelange Isolation, Unsicherheit und massive Einschränkung seiner Wirkungsmöglichkeiten. Diese Phase seines Lebens zeigt sehr eindrücklich, wie eng progressive politische Ideen und persönliche Konsequenzen damals miteinander verknüpft waren.
Gerade die damaligen Geschichten, hier besonders das Aufbegehren gegen die Herrschaft der Fürsten, sind Vorboten der Gesellschaftsform Demokratie. Die Selbstermächtigung des Einzelindividuums, die Neudefinition der Stellung des Menschen – zuvorderst als Untertan und dann als Teil etwas Größeren - machten ersichtlich, wie Geschichte geschrieben wird. Was können heutige Menschen aus dem Leben und Wirken des Turnvaters, gerade in seinen Brüchen und Unklarheiten, für sich selbst lernen?
Jahn ist ein gutes Beispiel dafür, dass historische Persönlichkeiten selten eindimensional sind. Seine Biografie zeigt Mut, Gestaltungswillen und gesellschaftliches Engagement, aber auch Brüche und Widersprüche.
Gerade daraus können wir lernen: Demokratie ist kein fertiger Zustand, sondern ein Prozess, der immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Und er wird von Menschen getragen, die nicht perfekt sind. Für mich liegt eine wichtige Erkenntnis darin, Verantwortung zu übernehmen, sich einzubringen und gleichzeitig kritisch zu bleiben – auch gegenüber den eigenen Überzeugungen.
Sie bieten auch Kindern und Schulklassen besondere Erkundungen an. Welche?
Wir bieten verschiedene museumspädagogische Formate an, die sich altersgerecht mit Themen wie Sport und Gesundheit, Gemeinschaft, Demokratie und Geschichte auseinandersetzen. Klassische Führungen kombinieren wir etwa mit Bewegungsspielen, Workshops oder individuell entwickelten Projektangeboten. Zum Beispiel arbeiten wir seit einigen Jahren mit der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sekundarschule in Freyburg zusammen, indem die 8. bis 10. Klassen im Geschichtsunterricht turn- und sportgeschichtliche Themen erarbeiten.
Die aktuelle sanierungsbedingte Interimsphase nutzen wir auch, um das museumspädagogische Konzept zu überarbeiten und vor allem um Angebote zum Thema Demokratiegeschichte zu erweitern.
Uns ist es wichtig, auch jüngere Generationen für dieses etwas sperrige Thema zu gewinnen und Interesse zu wecken. Indem wir aufzeigen, dass Geschichte keine abstrakte Vergangenheit ist, sondern bis heute unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben prägt, können wir zugleich das Bewusstsein für die eigene kulturelle Identität stärken. Davon bin ich überzeugt!
Sie selbst sind auch Vorstandsmitglied und Geschäftsführerin im Jahn-Gesellschaft e.V. Was ist das denn für eine Gesellschaft? Was machen Sie auch über die Region hinaus und welche Aufgaben haben Sie sich selbst in die Region hinein gegeben?
Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben und Wirken des sogenannten Turnvaters und seines Umfeldes zu erforschen und sein Erbe zu bewahren. Zweck des Vereins ist zudem der Betrieb des Jahn-Museums und der Jahn-Ehrenhalle. Das Museumsteam besteht aus zwei hauptamtlichen Stellen (Assistenz der Geschäftsführung und mir als Geschäftsführerin und Museumsleiterin), unterstützt durch Bundesfreiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiter. Auch das Präsidium der Jahn-Gesellschaft leistet einen enormen Beitrag auf ehrenamtlicher Basis.
Die Pflege der Museums-Sammlung ist eine unserer Hauptaufgaben. Diese umfasst circa 8.000 turn- und sporthistorische Objekte, darunter Fahnen, Medaillen, Gemälde, Druckgrafiken, Urkunden, Turngeräte und historisches Mobiliar. Hinzu kommen rund 10.000 Fotodokumente sowie eine rund 6.000 Titel umfassende Bibliothek zur Turn- und Sportgeschichte.
Unsere Arbeit reicht weit über die Region hinaus und bezieht dabei unterschiedliche Kooperationspartner aus Wissenschaft, Kultur und Sport mit ein. Der Verein wird von persönlichen und institutionellen Mitgliedern getragen, darunter vor allem viele Turnvereine aus ganz Deutschland und Österreich. Gleichzeitig sind wir lokal stark verankert und sehen es als unsere Aufgabe, das Museum als Ort kultureller Identität in der Region lebendig zu halten.
Unterstützt werden wir in unserer Arbeit zudem durch Fördermittel vom Land Sachsen-Anhalt, dem Burgenlandkreis und der Stadt Freyburg.
Die Gedenkstätte Ihres Museums ist in drei Teile untergliedert. Dabei fiel mir zuerst die Ehrenhalle auf. Wer wird denn hier geehrt? Täve Schur? Und wie? Ähnlich wie in Walhalla bei Regensburg?
Die Verbindung zur Walhalla ist tatsächlich vorhanden: auch dort steht ein Bildnis Jahns als bedeutende Person der deutschen Geschichte. Die Jahn-Ehrenhalle wurde ursprünglich 1903 als erstes eigentliches Jahn-Museum zu Ehren des Turnvaters erbaut. Das Gebäude ist einzigartig in seiner Gestaltung: es nimmt konkret architektonisch Bezug auf die Turngeschichte und insbesondere die Geschichte der Deutschen Turnfeste. Die wunderbaren Buntglasfenster sind von Städten gestiftet worden, in denen seit 1860 Turnfeste stattfanden. Beeindruckend ist zudem das Turnerkreuz bzw. die vier „F“ als Deckenmalerei an der Kassettendecke. Die Bezeichnung „Ehrenhalle“ erhielt es erst, nachdem das Museum 1936 unter den Nationalsozialisten dauerhaft in das Wohnhaus verlagert worden ist. Anlass waren damals die Olympischen Sommerspiele 1936.
Die unweit der Ehrenhalle gelegene Erinnerungsturnhalle ist seit ihrer Errichtung 1894 als Turnhalle in Gebrauch und wird von Schulen und Vereinen genutzt. Sie wird daher von der Stadt betrieben. In Führungen ist sie natürlich als wichtiger Teil der Rezeptionsgeschichte um Jahn integriert, aber eben nur von außen zu besichtigen.
Es steht eine Generalsanierung Ihres Hauses an. Können Sie uns da bitte etwas mehr erzählen? Wie lange wird es dauern? Was kostet das Ganze? Was geschieht währenddessen mit den Exponaten und Angeboten? Wie wollen Sie während der Sanierung das Gedenken an den Turnvater Jahn wachhalten?
Die Generalsanierung ist sicher eine der größten Herausforderungen für die Jahn-Gesellschaft seit vielen Jahren. Ziel ist es, das historische Gebäude zu sichern und gleichzeitig eine moderne, zeitgemäße Ausstellung zu realisieren. Die alte Dauerausstellung ist inzwischen fast 30 Jahre alt und bedarf dringend einer inhaltlichen Überarbeitung.
Das Sanierungsvorhaben wird durch die Stadt Freyburg als Eigentümerin und Bauherrin realisiert. Ende 2024 erhielt die Kommune aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ eine Förderzusage in Höhe von 3,3 Millionen Euro zur Sanierung des historischen Wohnhauses. Der ursprünglich vorgesehene Erweiterungsbau ist derzeit jedoch nicht finanziert und wurde daher vorerst aus der Planung ausgeklammert.
Die Bauphase wird sich voraussichtlich bis Ende 2028 erstrecken. Die Neueröffnung wird sich durch den Einbau der neuen Dauerausstellung bis in die zweite Hälfte 2029 hinziehen. Während der gesamten Zeit werden Sammlung und Geschäftsstelle ausgelagert. In der Ehrenhalle richten wir aktuell bis Anfang August 2026 eine Interimsausstellung ein, für die Teile der alten Dauerausstellung „recycelt“ werden, die aber auch um neue Anteile und bislang nie gezeigte Objekte aus der Sammlung ergänzt wird. Wir bieten also auch während der Sanierungsphase das volle Ausstellungs- und museumspädagogische Programm an. Zudem lässt sich im Museumsshop in der Ehrenhalle auch weiterhin das ein oder andere besondere Geschenk oder Mitbringsel erwerben. Aktuell haben wir zum Beispiel ganz neuen, limitierten Jahn-Wein vom Weingut Grober-Feetz im Angebot. Auch online erhältlich…
Der differenzierte Blick auf historische Persönlichkeiten muss auch erlernt werden. Jeder Mensch hat mehrere Facetten, keiner ist ohne Dämonen. Dies aufzuarbeiten und zugänglich zu machen, stärkt das Gemeinwesen, stärkt auch den toleranteren Umgang unter- und miteinander. Das Verständnis, dass niemand ohne Fehl und Tadel ist, gibt auch die Möglichkeit, zu eigenen Fehlern zu stehen und sie anzunehmen. Ist dieser, doch recht philosophische Gedanke, vermittelbar in unserer Zeit der Instagramisierung und shitstürmenden Dauerbewertung?
Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine wichtige Aufgabe. Gerade in einer Zeit, die oft von schnellen Urteilen geprägt ist, brauchen wir Orte, die Differenzierung ermöglichen.
Museen können solche Orte sein. Wir bieten keine schnellen Bewertungen, sondern Hintergründe, Perspektiven und Kontext. Ich glaube, dass viele Menschen durchaus bereit sind, sich darauf einzulassen – wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.
Unser Burgenlandkreis ist äußerst divers, es gibt Regionen, die mit den Füßen stark am Erfolgreichsein scharren und es gibt Regionen, die noch Ideen brauchen für eine Gesundung. Was denken Sie, liebe Frau Dr. Henkel, als Privatperson, wie der Burgenlandkreis als Ganzes nach vorn gebracht werden kann?
Der Burgenlandkreis hat großes Potenzial: landschaftlich, kulturell und historisch. Wichtig ist aus meiner Sicht, diese Stärken stärker zu vernetzen und sichtbar zu machen. Kultur kann dabei eine verbindende Rolle spielen, ebenso wie Bildung und bürgerschaftliches Engagement.
Wo sehen Sie die Chancen der Region? Und wo die Herausforderungen?
Eine große Chance liegt in der Vielfalt der Region und ihrer Geschichte. Herausforderungen sehe ich vor allem in strukturellen Fragen – etwa dem demografischen Wandel und der Sicherung kultureller Infrastruktur. Hier braucht es langfristige Perspektiven und Kooperationen.
Ihr Haus gibt auch Publikationen heraus. Welche sind das und wie kommt man an diese heran? Wie suchen Sie die Themen und Texte aus? Mit wem arbeiten Sie hier zusammen?
Zweimal jährlich erscheint unsere Mitgliederzeitschrift, der „Jahn-Report“, in dem wir über die Arbeit im Museum und im Verein berichten und diverse turn- und sporthistorische Themen beleuchten. Hinzu kommen wissenschaftliche Beiträge in Fachliteratur und Veröffentlichungen im Rahmen von Ausstellungen. Diese sind über unsere Geschäftsstelle und in unserem Museumsshop in der Ausstellung und Online erhältlich. Die Themen wählen wir in enger Abstimmung mit Fachleuten und Partnern aus.
Mit welchen Institutionen arbeiten Sie sonst noch zusammen? Und wie ist die Resonanz auf Ihre Arbeit aus der Bevölkerung heraus?
Wir arbeiten mit zahlreichen Institutionen zusammen und unterhalten Beziehungen zum Deutschen Turner-Bund (DTB) und den Landesturnverbänden, zu Hochschulen, Schulen, anderen Museen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Zudem stehen wir mit Tourismus- und Museumsverbänden in engem Austausch.
Die Resonanz ist insgesamt sehr positiv, vor allem von Touristen. Freyburg trägt ja den Namenszusatz „Jahn-, Wein- und Sektstadt“ – Wein und Sekt ist immer allen klar – aber Jahn muss stets erläutert werden. Wenn sich die Gäste im Rahmen eines Museumsbesuches oder einer Führung mit dem Thema auseinandersetzen, sind viele erstaunt und begeistert. Manchmal wünsche ich mir schon ein wenig mehr Interesse seitens der lokalen Bevölkerung. Das mache ich mir auch zur Aufgabe für die nächsten Jahre. Insbesondere die Mitgliederakquise wird zukünftig eine wichtige Rolle spielen.
Und wie kann man Sie in Ihrer Arbeit unterstützen? Engagement braucht ja auch immer frisches Blut, sozusagen …
Unterstützen kann man uns natürlich ganz einfach durch einen Besuch des Museums, eine gebuchte Führung oder durch einen Einkauf im Museumsshop. Besonders wünschenswert sind zudem eine Mitgliedschaft in der Jahn-Gesellschaft (Mitgliedsbeitrag 25 Euro jährlich), Spenden oder auch ehrenamtliches Engagement. Wie so viele Vereine ist auch die Jahn-Gesellschaft von Überalterung und Mitgliederschwund geprägt. Als kleines, vereinsgeführtes Museum sind wir daher besonders auf Nachwuchs und Unterstützung angewiesen, um den Erhalt des Jahn-Museums und die Arbeit der Jahn-Gesellschaft langfristig zu sichern und neue Impulse in den Verein zu bringen.
Danke, Frau Dr. Norma Henkel, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. Und Danke auch für Ihr Engagement.
Vielen Dank für das Gespräch und Ihr Interesse an unserer Arbeit.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
© Foto(s): Henkel / Friedrich Ludwig Jahn Museum