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Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.

In Teil 3 der großen Interviewreihe bekommt der Kulturvermittler und Künstler Philipp Baumgarten das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm über Kloster Posa, das Ostflimmern, Brüche und Veränderungen, Zuversicht und Chancen.

"Im vermeintlichen Mangel steckt oft eine große Offenheit", Interview mit Philipp Baumgarten

über Philipp Baumgarten

Werdegang

  • Geboren 1985 in Zeitz
  • Künstler, Fotograf und Herausgeber
  • Studium der Medienproduktion in Dresden
  • Studium der Kunstgeschichte in Karlsruhe
  • Tätigkeiten u. a. am Staatsschauspiel Dresden und am ZKM Karlsruhe
  • Mitbegründer mehrerer Kulturinitiativen
  • Künstlerische Schwerpunkte: ostdeutsche Gegenwart, Erinnerungskultur, Interventionen im öffentlichen Raum

Weiteres

  • Seit vielen Jahren Engagement in Archäologie und historischer Forschung
  • Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Archäologie und historischen Forschung Zeitz e. V.
  • Mitinitiator der archäologischen Forschungen am Kloster Posa in Zeitz
  • Philipp Baumgarten verbindet kulturelle Vermittlung, Denkmalpflege und öffentliche Geschichtsarbeit

Im vermeintlichen Mangel steckt oft eine große Offenheit

Interview mit Philipp Baumgarten

Guten Tag Philipp Baumgarten. Sie sind seit vielen Jahren äußerst kulturaktiv in unserer Region und auch darüber hinaus. Dabei ist das große Thema, welches Ihre gesamte Arbeit überspannt, die soziale Disruption und die daraus folgende Kulturrezeption in der Region. Um es in einfach zu sagen, geht es darum, zu erfahren, wie gesellschaftliche Zusammenbrüche und Transformationen den persönlichen individuellen Zugang zu Kultur beeinflussen. Bin ich da ungefähr auf der richtigen Fährte, Herr Baumgarten?
Ja, das trifft es in Teilen. Ich würde es aber etwas anders zuspitzen. Mich interessiert weniger der Zusammenbruch selbst als vielmehr die Frage, was aus Brüchen entsteht. Also: Welche Möglichkeiten wachsen aus Um- und Zusammenbrüchen heraus? Welche Erzählungen werden unterbrochen und was tritt an ihre Stelle? In meiner Arbeit geht es oft um diese Zwischenräume und Kippmomente. Dabei sind Geschichte und die kulturelle Praxis im öffentlichen Raum für mich Zugänge, um genau diese Brüche sichtbar zu machen. Der öffentliche Raum ist dann so etwas wie unser gemeinsames Archiv, denn hier lagern die Spuren und die Widersprüche wie in Schichten übereinander. Daher ist die Archäologie für mich so wahnsinnig spannend. Aber am Ende geht es mir weniger um eine eindeutige Erklärung, sondern darum, Räume zu öffnen, in denen solche Fragen überhaupt gestellt werden können.
Mit dem Buch „Ostflimmern – Wir Wende-Millennials“, welches Sie gemeinsam mit Annekathrin Kohout herausgegeben haben, haben Sie den Diskurs aus Ihrer Innensicht und mit Bildern unserer Region mitgestaltet. Können Sie uns bitte ein bisschen etwas zu dem Buch erzählen? Warum gibt es „Ostflimmern“? Was ist dieses Ostflimmern? Und was beinhaltet das Buch „Ostflimmern“?
Die Idee, sich mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, ist bei jedem anders motiviert. Bei mir kam sie erst mit einem zeitlichen Abstand. Ich habe etwa 15 Jahre lang in Ostdeutschland und im ehemaligen Ostblock fotografiert. Während der Corona-Zeit habe ich dann begonnen, dieses Archiv systematisch zu sichten. Und dabei ist mir aufgefallen, dass sich mein Verhältnis zu den Bildern verändert hat. „Ostflimmern“ beschreibt genau dieses Gefühl: ein flirrendes, nicht ganz greifbares Bild von Herkunft. Keine klare Identität, sondern eher ein Zustand zwischen Erinnerung, Projektion und Gegenwart. Das Buch ist deshalb kein klassischer Bildband, sondern eher eine Art visuelles Archiv in Kombination mit Texten. Es geht auch hier nicht darum, eine eindeutige Geschichte zu erzählen, sondern viele Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen. Eine anthologische Form, die zeigt, wie unterschiedlich dieser Raum oder diese Herkunft gelesen werden kann.
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Mit dem Buch waren Sie auch zu Gast, beispielsweise im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden sowie im Potsdam Museum DAS MINSK. Wie wurden Ihre Sichten auf unsere Region dort aufgenommen? Gerade der ländliche Raum ist ja für die meisten Städterinnen und Städter ein unbekanntes Land voller Vorverurtelter und Ängste …
Interessanterweise funktioniert die Erzählung des Buches im urbanen Raum oft am besten. Dort, wo Strukturschwäche weniger Alltag ist, gibt es häufig eine größere Offenheit für die formale und konzeptionelle Ebene des Buches, also für die Frage, wie Bilder funktionieren, wie Erzählungen gebaut sind. In Regionen, die selbst stärker von den beschriebenen Themen betroffen sind, ist die Reaktion oft emotionaler aber auch zurückhaltender. Vielleicht, weil die Themen zu nah sind. Oder weil man eine gewisse Müdigkeit entwickelt hat, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen.
Die Gegensätze verlaufen aus meiner Sicht weniger zwischen Ost und West, als vielmehr zwischen Stadt und Land. Viele Erfahrungen ähneln sich stärker, als wir oft annehmen. Ich habe oft gesagt: Zeitz ist vielerorts zu finden. Und genau darin liegt für mich auch eine Stärke. Im vermeintlichen Mangel steckt oft eine große Offenheit und ein Möglichkeitsraum. Viele Rückmeldungen haben auch gezeigt, dass Menschen dadurch begonnen haben, ihren eigenen Blick auf Herkunft und Gegenwart zu hinterfragen.
Am 24. November 2023 bekamen Sie für Ihre Kunst und Ihre Kulturarbeit den ersten Christoph-Biller-Preis des Burgenlandkreises verliehen. Wie kam es dazu? Und wie war es bei der Preisverleihung?
Der Preis kam für mich tatsächlich überraschend. Ich habe meine Arbeit nie mit dem Ziel gemacht, dafür ausgezeichnet zu werden. Umso besonderer war es, dass hier eine kontinuierliche, oft auch unspektakuläre Kulturarbeit vor Ort gesehen und gewürdigt wurde. Die Preisverleihung selbst war ein schöner Moment, weil sie gezeigt hat, dass es in der Region durchaus ein Bewusstsein dafür gibt, wie wichtig kulturelles Engagement ist. Auch jenseits von großen Institutionen. Diese Form der Wertschätzung hat mir übrigens sehr geholfen, die Kraft zu finden, weiterzumachen.
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Sie haben die Kultur- und Bildungsstätte Kloster Posa e. V. mitgegründet und geleitet. Was haben Sie da ganz genau auf Posa gemacht? Was war Ihre Intension?
Ich bin über persönliche Kontakte früh mit Kloster Posa in Berührung gekommen und hatte dort schon lange vor der Vereinsgründung die Möglichkeit, den Ort künstlerisch zu erkunden. Mit der Kultur- und Bildungsstätte ging es dann ab 2013 darum, diesen Ort aktiv zu bespielen. Wir haben versucht, Leerstand nicht als Problem, sondern als Ressource zu verstehen.
Es ging um Ausstellungsformate, Veranstaltungen, künstlerische Produktion aber auch ganz konkret um Stadtentwicklung, Zwischennutzungen und neue Formen von Öffentlichkeit. Die archäologischen Grabungen kamen später hinzu und sind für mich eine logische Erweiterung. Auch hier geht es wieder um Schichten, um Zeit, um das Sichtbarmachen von Geschichte. Meine Intention war eigentlich immer recht einfach: einen Ort zu schaffen, an dem Dinge möglich sind, die woanders vielleicht keinen Platz mehr finden. Ich wollte an den Brüchen anknüpfen und Narrative finden, die zur kulturellen Vielfalt im Burgenlandkreis beitragen.
Und was hatte es mit der Kulturwerkstatt Burgenlandkreis auf sich und dem Open Space Zeitz?
Die Kulturwerkstatt Burgenlandkreis war der Versuch, vorhandene Kräfte stärker zu vernetzen. Insbesondere zwischen Zeitz und Naumburg. Also weniger Konkurrenz, mehr Austausch. Mein Freund Marcus Pawis und ich hatten dabei auch schon das Ziel, die Kulturlandschaft des Burgenlandkreises sichtbarer machen.
Open Space Zeitz war dann ein sehr konkretes Projekt. Ich wollte die künstlerische Praxis aus Posa in die Stadt tragen. In diesem Projekt fand auch die dreijährige Sommerakademie der Künste statt, bei der Studierende aus sieben Kunsthochschulen nach Zeitz kamen und leerstehende Orte aktiviert haben. Insgesamt waren es neun Orte, die temporär bespielt wurden. Für einen Moment entstand so die Idee einer „Kunststadt Zeitz“. Nicht als Marketingbegriff, sondern als reale Erfahrung. Daraus ist auch die alte Stadtbibliothek als Offspace und nunmehr Hotspot entstanden.
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Auf Ihrer Homepage kann man faszinierende Bildersammlungen sehen. Besonders berührend finde ich hier die Abteilung „mitteldeutsch“. Wie viele Fotografien haben Sie eigentlich auf Ihren diversen Festplatten und wo kann man derzeit Ihre Werke überall sehen?
Die Serie „mitteldeutsch“ basiert auf einem großen Bildkorpus - etwa 40.000 Aufnahmen, die auch die Grundlage für „Ostflimmern“ bilden. Insgesamt dürfte mein Archiv mittlerweile bei rund 150.000 bis 200.000 Bildern liegen. Ich fotografiere seit den frühen 2000er Jahren digital. Aktuell sind Arbeiten von mir unter anderem im Museum in der Kulturbrauerei in Berlin zu sehen. Darüber hinaus tauchen die Bilder immer wieder in unterschiedlichen Kontexten auf, Ausstellungen, Publikationen oder auch online.
Aus Ihrer Sicht, Herr Baumgarten: Welche Möglichkeiten haben die unterschiedlichen Ecken unserer Region, um sich positiv darzustellen? Der demografische Wandel ist ja nun einmal Fakt, auch die Schrumpfung ist analysiert. Jetzt braucht es Strategien und Ideen. Welche haben Sie für den Burgenlandkreis?
Ich glaube, wir müssen aufhören, uns primär über Defizite zu definieren. Der permanente Blick auf Schrumpfung und negative Statistiken erzeugt keine Perspektive. Was es braucht, ist eine aktivere, selbstbewusstere Kommunikation nach außen. Warum nicht eine Art „Botschaft“ des Burgenlandkreises in Berlin, im übertragenen oder auch ganz konkreten Sinne?
Gleichzeitig sehe ich einen großen Bedarf an strukturellem Wandel innerhalb der Verwaltungen: mehr ermöglichen, weniger verwalten. Kultur spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie kommt nicht on top, sondern ist das Fundament von Gemeinwohl und Identität. Förderstrukturen sollten stärker lokale Initiativen unterstützen und weniger externe Projekte, die nur temporär wirken. Und Vernetzung innerhalb der Region ist weiterhin entscheidend. Viele gute Ansätze existieren bereits. Sie müssen noch stärker miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Und wie können die Menschen aktiviert werden, sich persönlich einzubringen? Dafür braucht es doch auch ein Aufstiegsversprechen der Region, eine positive Zielstellung, die glaubhaft und umsetzbar ist. Was denken Sie, Herr Baumgarten?
Menschen lassen sich nicht durch Appelle aktivieren, sondern durch reale Erfahrungen. Es braucht Orte und Situationen, in denen man merkt, dass der eigene Beitrag einen Unterschied macht. Es muss auch glaubhaft sein und im Alltag erfahrbar werden. Kleine, funktionierende Projekte sind oft wirkungsvoller als große Visionen auf dem Papier.
Entscheidend ist, dass Beteiligung nicht nur gewünscht, sondern auch ermöglicht wird.
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Wenn ich mich mit Ihrer Arbeit auseinandersetze, spüre ich eine Zuneigung zu den Menschen hier, eine warme Umarmung der hier Lebenden. Woher kommt diese Wertschätzung und Sympathie?
Ich glaube, das hat viel mit meiner eigenen Biografie zu tun. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne die Brüche, aber auch die Stärken dieser Region sehr gut. Mich interessiert nicht die distanzierte Beobachtung, sondern ein Blick von innen heraus. Diese Wertschätzung entsteht vielleicht gerade daraus, dass ich die Ambivalenzen sehe - das Schwierige, aber eben auch das, was oft übersehen wird.
Was ist eigentlich aus Ihrem eigenen Verlag geworden. Ich erinnere mich an herausragende Bücher von Michael Meinicke, dem Beatpapst Ostdeutschlands. Was ist mit Boombooks?
Boombooks war für mich ab 2007 in Dresden eine sehr intensive Phase, in der es darum ging, andere Positionen sichtbar zu machen. Wie bei vielen solchen Projekten verschieben sich irgendwann die Prioritäten. Seit 2014 verlege ich nur noch gelegentlich regionale kulturhistorische Beiträge. Der Verlag ist aus meinem Leben nicht ganz verschwunden. Er heißt heute EDITION POSA.
Ganz zu Beginn sprachen wir über die soziale Disruption. Ich möchte noch einmal auf dieses Thema zu sprechen kommen. Derzeit befindet sich unsere Region wieder immens unter Druck. Die Veränderungen haben viele Aspekte, eine davon ist das vermehrte Eindringen von Künstlicher Intelligenz auch in die Kunst und Kultur. Spüren Sie selbst als Kreativer hier schon Verwerfungen? Welche Herausforderungen kommen hier auf die Kreativen zu? Wirklich neue Lösungen können ja nicht wirklich von Algorithmen errechnet werden, da diese ja nur mit schon gedachten digitalen Informationen arbeiten.
Veränderungen durch Technologie gab es schon immer. Die Fotografie selbst ist ja ein gutes Beispiel dafür. KI wird sicherlich vieles verschieben, gerade in der Produktion und Verfügbarkeit von Bildern. Ich sehe die Herausforderung weniger darin, dass Maschinen „bessere“ Lösungen finden, sondern darin, dass sich unsere Maßstäbe verändern. Wenn alles erzeugbar ist, wird die Frage nach Haltung, Kontext und Auswahl umso wichtiger. Für Kreative bedeutet das, dass die eigene Perspektive wichtiger wird, nicht unwichtiger.
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Aus der Serie "mitteldeutsch" (2005 - 2020) von Philipp Baumgarten
Einst war Zeitz Ihr Lebensmittelpunkt, ich hörte jedoch, dass Sie einen Garten in Freyburg haben. Ist da etwas dran? Sind Sie schon umgezogen? Und warum, wenn ja und warum nicht, wenn nein.
Ich bin nach wie vor in Zeitz verankert. Der Garten in Freyburg stimmt, das ist aber ein ganz anderer Rhythmus. Die landschaftliche Qualität im Burgenlandkreis wird im Alltag oft unterschätzt. „Toskana des Nordens“ ist ja nicht nur ein Marketingbegriff. Ich finde, wir reden oft über das, was fehlt und zu selten über das, was längst da ist. Genau das versuche ich für mich stärker wahrzunehmen und auch zu nutzen.
Danke, Herr Baumgarten, für Ihre Zeit, Ihr Engagement und Ihre Antworten.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
© Foto(s): Philipp Baumgarten