Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.
In Teil 4 der großen Interviewreihe bekommt der Intendant des Naumburger Theaters Stefan Neugebauer das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm über den neuen Standort des Theaters, Zukünftiges und Visionäres, die Verhaftung des Theaters in der Stadtgesellschaft und die Spur der Schweine.

über Stefan Neugebauer
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Alles andere als provinziell, eher weltstädtisch und dennoch nicht großspurig.
Interview mit Stefan Neugebauer
Guten Tag Stefan Neugebauer. Sie sind der Intendant des Theaters Naumburg und mit Ihrem Team erst seit einigen Monaten am neuen Standort in Bahnhofsnähe. Wie kam es zum Umzug? Und wann konkret ging es im Alten Schlachthof los?
Wir sind jetzt ein gutes Jahr in dem Alten Schlachthof. Bei einer Auslastung von über 90 Prozent und deutlich höheren Einnahmen durch den Ticketverkauf hat sich der Umzug ins Bahnhofsviertel als die richtige Entscheidung entpuppt. Grund dafür war, dass das alte Haus am Salztor marode war und auch aufgrund seiner verwinkelten engen Wegeführungen einfach nicht mehr dem Standard entsprach. Das neue Haus, mit dem wir inzwischen zwei Architekturpreise gewonnen haben, ist da ein Riesenschritt nach vorne.
Gab es konzeptionelle Änderungen durch die Veränderung der Örtlichkeit? Wenn ja, welche? Wenn nein, warum nicht?
Wir haben unseren Spielplan deutlich erweitert, wir haben inzwischen diverse Konzerte, Gesprächsrunden, Autorenlesungen und Tanztheater in unserem Programm. Auch regelmäßige Ausstellungen in der hauseigenen Galerie ergänzen das Programm. Die großzügigen Maße der Bühne erlauben Stücke, die vorher undenkbar waren. Wir können endlich aus dem Vollen schöpfen.

Theateransicht Abend: Das architektonische Einfallstor Naumburgs im Bahnhofsviertel (© Till Schuster)
Und wie werden die Angebote, die Sie machen, vom Publikum genutzt? Gibt es Reaktionen zum neuen Haus? Welche?
Ganz überwiegend positiv, denn schon, wenn man das großzügige Eingangsfoyer betritt, ist man begeistert. Dieses Haus hat eine Aura, die jeden gefangen nimmt. Für mein Gefühl ein magischer Ort, den man gesehen haben muss. Alles andere als provinziell, eher weltstädtisch und dennoch nicht großspurig.
Wenn Sie von Ihrem Team sprechen, nutzen Sie gern fußballerische Metaphern. Welche und warum das denn?
Naja, wir sind zwölf feste Mitarbeiter, da liegt es nahe, den Fußball zu zitieren, Trainer plus elf auf dem Platz, drei Stürmer (Schauspieler) vier Verteidiger (Technik), drei Mittelfeldspieler (Verwaltung und Dramaturgie) und im Tor die Disposition. Selbst der Neubau in diesen Zeiten erinnert an das sogenannte „Wunder von Bern“. Und dann ist Theater ja auch ein Mannschaftssport; Einer für alle, alle für einen.
Ihr Haus gilt als das kleinste Stadttheater Deutschlands. Ist das wahr? Was sind die Eckpfeiler dieses Narrativs?
Es gibt drei „Eckpfeiler“: die Größe des Hauses, die Zahl der Mitarbeiter und das jährliche Budget. Und da sind wir mit Abstand das kleinste Stadttheater Deutschlands.

Container-Bühne: Containerbühne für Open-Air (© Stefan Neugebauer)
In Ihrem Haus bündeln Sie diverse Spielstätten. Können Sie uns bitte hier ein bisschen zu den Unterschieden und Ausrichtungen sagen?
Wir haben, großzügig gerechnet, fünf Spielstätten: in der Theaterbar eine Minibühne für die Mittwochsreihe „Theater zum Anfassen“, im Eingangsfoyer einen potenziellen Spielort für Rundgänge, bei dem jetzigen Stück „Auf der Spur der Schweine“ startet das Schauspiel im Foyer; dann die Studiobühne für kleinere Produktionen und natürlich den großen Theatersaal für die großen Stücke und nicht zu vergessen: die Open-Air-Bühne im Theatergarten. Die Ausrichtung ist eher organisatorischer Art. Es stellt sich ja nach Stoff oder Stück die Frage, wo passt der Stoff oder das Stück am besten hin.
Sie haben in Berlin und Paris studiert, wurden vorher in einem richtigen Handwerk – der Tischlerei – ausgebildet, haben in Nürnberg, Coburg, Kaiserslautern, Hildesheim, Tirana (Albanien) und Berlin theatralische Spuren hinterlassen … was hat Sie an Naumburg und unserer Region berührt, auf dass Sie hergekommen sind?
Gute Frage. Nietzsche ist hier aufgewachsen und ich habe Nietzsche für mich als Jugendlicher entdeckt und verschlungen, so dass ich es natürlich gleich als Wink des Schicksals gedeutet habe, dass ich ausgerechnet in Naumburg lande. Dann wohne ich gleich am Dom. Was für ein Geschenk, dieses Bauwerk täglich vor der Nase zu haben. Dann trinke ich gerne Wein und da sind die Weinberge natürlich eine willkommene Abwechslung, mein Leben hat sich hier im besten Sinne entschleunigt und dass ich seit April 2025 ein neues Theater bespielen darf, ist ein Traum.
Aus Theatersicht, lieber Herr Neugebauer: Was braucht es, um die Region auch im außen, aber ganz besonders auch im innen, voranzubringen?
Ein klares Bekenntnis der Stadt zur Kultur, denn wir leben vom Tourismus, und wir haben hier das Glück, dass so viele kulturellen Schätze inklusive der malerischen Landschaft zusammenkommen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ heißt es in der Bibel, und ich habe erfahren dürfen, dass Kultur und Kunst eine immense Bereicherung des Lebens darstellen. Daran sollten wir versuchen, so viele Menschen wie möglich teilhaben zu lassen.

Auf der Spur der Schweine – ein Perspektivwechsel in Bewegung (© Torsten Biel)
„Die Spur der Schweine“ (erinnert mich immer an „Spur der Steine“ mit Manfred Krug) ist Ihr derzeit wichtigstes Stück, wenn ich das richtig sehe. Welche Inhalte sollen vermittelt werden? Und mit welchen Mitteln?
Es heißt „Auf der Spur der Schweine“ und es nimmt die Perspektive der Schweine auf die Welt und insbesondere die industrielle Tierhaltung ins Visier. Es erzählt auf sehr unterhaltsame Weise die Familiengeschichte von vier Schweine-Geschwistern und ihrem Vater, der als Zuchteber arbeitet. Das Publikum folgt dem Erzähler-Schwein durch das Theater und lernt seine Familie kennen und schätzen. Ein echtes Abenteuer für Jung und Alt.
2025 gab es für den Umbau des Theaters im Alten Schlachthof Naumburg den Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt. Den haben Sie, Herr Neugebauer, ja nicht allein bekommen. Wer war alles involviert? Wer wurde ausgezeichnet? Womit eigentlich? Gab es Geld beispielsweise?
Natürlich ging der Preis zuerst an den Architekten Peter Zirkel und sein Büro in Dresden, dann an die Stadt als Bauherr, die dieses Experiment gewagt hat und natürlich auch an uns, die wir das Gebäude bespielen. Involviert waren auch die Stadträte, die sich für den Bau eingesetzt und die Mittel bereitgestellt haben. Eigentlich war die ganze Stadtgesellschaft involviert, denn wir haben über 100 „Paten“ gewonnen, die unter anderem die Bestuhlung im Theatersaal, die Sitzbänke im Theaterfoyer und die Tische auf dem Außengelände gesponsert haben. Das Preisgeld war eher symbolisch und kam uns am Ende noch zu Gute, weil der Architekt es für den Erwerb der Außenbestuhlung in der Open-Air-Bühne spendete.
Und was hat der Preis dem Haus und der Aufmerksamkeit für Ihre Arbeit gebracht?
Mehr Publikum, einen Motivationsschub, größere Bekanntheit, mehr Spaß an der Arbeit und das Gefühl, dass wir hier offenbar ein paar Sachen gemeinsam mit der Stadt richtig gemacht haben. Kommen Sie gern alle vorbei und machen Sie sich selbst ein Bild.

Auf der Spur der Schweine – ein Perspektivwechsel in Bewegung (© Torsten Biel)
Ihr Haus macht auch pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche. Können Sie uns bitte dazu etwas sagen?
Nun, wir haben zwei Kinderclubs und einen Jugendclub, angeleitet von der Theaterpädagogin Karen Winkler-Scharf, und darüber hinaus bieten wir jedes Jahr ein Casting für circa sieben Schüler an, die dann in einem Stück mitwirken, welches mit Schauspielern erarbeitet wird und in den Spielplan integriert ist.
Und wie geht es strategisch weiter? Ein Haus wie das Ihre kommt ja auch irgendwann, wenn es gut läuft, an seine Grenzen. Das Areal ist ausbaufähig, wenn ich es mir richtig anschaue. Was gibt es für Ideen? Wie soll es in Zukunft weitergehen?
Der Theatergarten mit seiner Open-Air-Spielstätte wird inzwischen im Rahmen des neuen Theaterspaziergangs „Auf der Spur der Schweine“ bespielt. Dann gab es eine Pflanzaktion auf dem Vorplatz zum Garten, ein Theater-Tischtennis-Turnier ist in Vorbereitung in der Mittwochsreihe und ein Sommerkonzert steht auf dem Programm. Wir wollen den Theatergarten in den Theaterbetrieb integrieren und zugleich suchen wir nach Partnern wie Schulen, die die Open-Air-Bühne bespielen.
Und was kann Theater den Menschen geben? Welche Wirksamkeit kann Theater in der Stadtgesellschaft entfalten?
Zuallererst ist ein Ort der direkten analogen Begegnung, von denen es ja leider immer weniger gibt. In der Mittwochsreihe „Theater zum Anfassen“ kommt man mit den jeweiligen eingeladenen Künstlern direkt ins Gespräch und auch die Theatervorstellungen und Ausstellungen bieten die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das führt die Stadtgesellschaft unweigerlich zusammen . Ganz abgesehen davon, ist ein Theater, welches über die Stadtgrenzen hinaus von sich reden macht, für die Stadtgesellschaft eine Art Aushängeschild: Schaut her, Naumburg ist eine Stadt, die sich Kultur und Kunst auf die Fahnen geschrieben hat.
Danke, Herr Neugebauer, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. Und, um es mit dem Ballsport zu formulieren: Weiterhin gute Leute im Sturm.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
© Foto(s): Volly Tanner, Till Schuster, Stefan Neugebauer und Torsten Biel