Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.
In Teil 1 der großen Interviewreihe bekommt der Landrat a. D., ehemalige Kopf des Heinrich-Schütz-Vereins und ehemals prägender Stadtrat in der Stadt Weißenfels Dr. Johannes Kreis Platz und das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihm in Halle an der Saale, wo er jetzt mit seiner geliebten Frau seinen Lebensabend kultur- und genussvoll begeht und der Kulturwelt, gerade auch der Stadt Weißenfels, weiterhin zugewandt ist .

über Johannes Kreis
Werdegang
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Weiteres
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Schütz und Novalis sind für mich prägende Kulturpersönlichkeiten
Interview mit Johannes Kreis
Lieber Herr Kreis, Sie waren viele Jahre Vorsitzender im Heinrich-Schütz-Verein. Wie gestaltete sich aus Ihrer Sicht der Erhalt des kulturellen Erbes sowie dessen Weiterentwicklung und zugängliche Umsetzung für die Region, insbesondere für den Burgenlandkreis und seine Bürgerinnen und Bürger?
Als ich Landrat wurde, wusste ich zwar, dass Heinrich Schütz in Weißenfels gelebt hatte. Ich bin sehr musikbegeistert, aber seine Musik war mir damals noch ein Stück weit fremd. Ich kannte einzelne Werke, doch erst allmählich wurde mir bewusst, dass Schütz, dieser bedeutende deutsche Komponist, sowohl als Kind als auch als alter Mann in dieser Stadt gelebt hatte.
Was mich nachdenklich stimmte, war die Tatsache, dass viele Weißenfelser gar nicht wussten, wer Heinrich Schütz war. Das ließ mir keine Ruhe. Ich war überzeugt: Hier muss etwas geschehen.
Eine wichtige Gesprächspartnerin war für mich Henrike Rucker. Sie war damals frisch als Leiterin des Schütz-Hauses eingestellt worden und ist heute Musikwissenschaftlerin am Bach-Archiv in Leipzig. Das Schütz-Haus war dem Museum unterstellt, sie war also formal Museumsmitarbeiterin, fühlte sich in dieser Konstellation jedoch nicht wirklich glücklich. Mit ihr führte ich intensive Gespräche.
Kurz nach der Wende war der Weißenfelser Musikverein Heinrich Schütz e. V. gegründet worden, im Wesentlichen von Musiklehrern. Diese Gründer empfanden es ähnlich wie ich: dass Schütz in seiner eigenen Stadt zu wenig präsent war. Von ihnen habe ich mir viel Wissen geholt.
Der erste Vorsitzende des Vereins war mein Freund Paul Lauermann, der leider schon lange verstorben ist. Er fragte mich damals, ob ich nicht mitmachen wolle, und ich sagte sofort zu. Nach seinem Tod übernahm Frau Erdmuthe Müller-Taube den Vorsitz. Sie ist inzwischen hochbetagt, lebt im Caritasheim Franziskus und ist geistig noch immer erstaunlich frisch. Ich besuche sie gelegentlich; sie freut sich jedes Mal sehr. Frau Müller-Taube war Musiklehrerin und leitete viele Jahre den Langendorfer Volkschor.
Nach dem Ende meiner Amtszeit als Landrat am 30. Juni 2001 – es war ja ein Wahlamt – war ich bereits Mitglied des Vereins. Frau Müller-Taube fragte mich schließlich, ob ich bereit sei, den Vorsitz zu übernehmen. Also sagte ich zu.
Was mich nachdenklich stimmte, war die Tatsache, dass viele Weißenfelser gar nicht wussten, wer Heinrich Schütz war. Das ließ mir keine Ruhe. Ich war überzeugt: Hier muss etwas geschehen.
Eine wichtige Gesprächspartnerin war für mich Henrike Rucker. Sie war damals frisch als Leiterin des Schütz-Hauses eingestellt worden und ist heute Musikwissenschaftlerin am Bach-Archiv in Leipzig. Das Schütz-Haus war dem Museum unterstellt, sie war also formal Museumsmitarbeiterin, fühlte sich in dieser Konstellation jedoch nicht wirklich glücklich. Mit ihr führte ich intensive Gespräche.
Kurz nach der Wende war der Weißenfelser Musikverein Heinrich Schütz e. V. gegründet worden, im Wesentlichen von Musiklehrern. Diese Gründer empfanden es ähnlich wie ich: dass Schütz in seiner eigenen Stadt zu wenig präsent war. Von ihnen habe ich mir viel Wissen geholt.
Der erste Vorsitzende des Vereins war mein Freund Paul Lauermann, der leider schon lange verstorben ist. Er fragte mich damals, ob ich nicht mitmachen wolle, und ich sagte sofort zu. Nach seinem Tod übernahm Frau Erdmuthe Müller-Taube den Vorsitz. Sie ist inzwischen hochbetagt, lebt im Caritasheim Franziskus und ist geistig noch immer erstaunlich frisch. Ich besuche sie gelegentlich; sie freut sich jedes Mal sehr. Frau Müller-Taube war Musiklehrerin und leitete viele Jahre den Langendorfer Volkschor.
Nach dem Ende meiner Amtszeit als Landrat am 30. Juni 2001 – es war ja ein Wahlamt – war ich bereits Mitglied des Vereins. Frau Müller-Taube fragte mich schließlich, ob ich bereit sei, den Vorsitz zu übernehmen. Also sagte ich zu.
Dann ging es doch erst richtig los, oder?
Gemeinsam mit Frau Rucker und Frau Müller-Taube überlegten wir, wie wir die Weißenfelser stärker für Schütz interessieren könnten. Es gab nur einen kleinen Kreis treuer Konzertbesucher. Der durchschnittliche Weißenfelser wusste weiterhin wenig über Schütz. Frau Rucker brachte eine Idee aus Leipzig ein: ein Wandelkonzert! Man geht von Station zu Station, verbindet Orte mit Musik und Geschichte. Wir planten eine Route durch die Stadt: die Marienkirche, das Rathaus und das Heinrich-Schütz-Haus waren immer feste Stationen. Hinzu kamen Orte von kultureller Bedeutung wie der Jägerhof, das gegenüberliegende Denkmal, die Altstadtschule, die früher ein Lehrerseminar war, die Novalis-Gedenkstätte oder auch der Ladegast-Verein sowie das Kloster St. Claren.
Ich schlug vor, selbst im Habit von Heinrich Schütz aufzutreten. Frau Doreen Busch, selbst Vereinsmitglied, fertigte mir ein passendes Kostüm an. Ich ließ mir sogar einen Bart herstellen, einen Rauschebart von einer Theaterausstattung. Meine Friseurin stutzte ihn nach dem Vorbild eines historischen Porträts zurecht. Anfangs war meine Frau skeptisch: Das Kostüm sei in Ordnung, aber der Bart? Doch schließlich wirkte es überzeugend. Bei den ersten Auftritten, so etwa beim historischen Stadtumzug zum Schlossfest, wusste ich noch nicht, welcher Kleber der richtige war. Auf der Brücke musste ich bei Wind den Bart festhalten. Aber die Menschen freuten sich.
Ich schlug vor, selbst im Habit von Heinrich Schütz aufzutreten. Frau Doreen Busch, selbst Vereinsmitglied, fertigte mir ein passendes Kostüm an. Ich ließ mir sogar einen Bart herstellen, einen Rauschebart von einer Theaterausstattung. Meine Friseurin stutzte ihn nach dem Vorbild eines historischen Porträts zurecht. Anfangs war meine Frau skeptisch: Das Kostüm sei in Ordnung, aber der Bart? Doch schließlich wirkte es überzeugend. Bei den ersten Auftritten, so etwa beim historischen Stadtumzug zum Schlossfest, wusste ich noch nicht, welcher Kleber der richtige war. Auf der Brücke musste ich bei Wind den Bart festhalten. Aber die Menschen freuten sich.
Und die Wandelkonzerte? Funktionierte die Idee?
Das Wandelkonzert wurde ein großer Erfolg. Bei schönem Wetter begleiteten uns über 200 Menschen. Es fand stets in der ersten Oktoberwoche statt, im Zusammenhang mit dem Heinrich-Schütz-Fest, das von der Mitteldeutschen Barockmusik veranstaltet wird und in Weißenfels, Bad Köstritz und Dresden stattfindet. Mit unserem Wandelkonzert eröffneten wir jeweils am ersten Sonnabend im Oktober das Fest.
Uns war wichtig, einheimische Kulturschaffende einzubeziehen: beispielsweise, neben vielen, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann, den Langendorfer Volkschor, ein Doppelquartett des Goethe-Gymnasiums Weißenfels, Kinderchöre und eine Tanzgruppe im Renaissance-Habit. Im Schütz-Haus wurde es manchmal zu eng, die Räume waren für die wachsende Zahl der Besucher zu klein. Daher blieben wir vor dem Schütz-Haus.
Uns war wichtig, einheimische Kulturschaffende einzubeziehen: beispielsweise, neben vielen, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann, den Langendorfer Volkschor, ein Doppelquartett des Goethe-Gymnasiums Weißenfels, Kinderchöre und eine Tanzgruppe im Renaissance-Habit. Im Schütz-Haus wurde es manchmal zu eng, die Räume waren für die wachsende Zahl der Besucher zu klein. Daher blieben wir vor dem Schütz-Haus.
Sie haben maßgeblich zur Sanierung des Heinrich-Schütz-Hauses beigetragen. Was bedeutet dieses Engagement persönlich für Sie?
Als ich das Haus zum ersten Mal betrat, war es bereits ein kleines Museum. Der DDR ist es zu verdanken, dass es 1985, im Bach-Händel-Schütz-Jahr, vor dem Abriss bewahrt wurde. Das Gebäude war stark heruntergekommen, lange als Wohnhaus genutzt, zeitweise sogar als Kaufladen.
Man erkannte jedoch schon von außen an den Renaissancegiebeln, dass es sich um ein bedeutendes Haus handelte. Die DDR ließ die unteren beiden Etagen instand setzen; das Dachgeschoss blieb in problematischem Zustand. Die Balken waren teilweise verfault, die Last wurde durch Doppel-T-Träger abgefangen.
Es kamen immer wieder Besucher aus aller Welt, echte Schütz-Kenner. Sie wussten, dass er in diesem Haus seine Alterswerke komponiert hatte. Ein Zeitzeuge aus der Dresdner Zeit, ein Pastor Georg Weiße aus der Nähe von Zeitz, berichtete, Schütz habe oben im Dachgeschoss in einer „Klause“ gearbeitet. Dort suchten wir nach Spuren. Ein Architekt machte uns schließlich klar: Wenn wir das Haus wirklich sanieren wollen, müsse das gesamte Dach abgetragen werden. Das klang zunächst nach einer unüberwindlichen finanziellen Hürde. Frau Rucker gelang es jedoch, Kontakt zu Paul Raabe aufzunehmen, der im Auftrag der Bundesregierung bedeutende Kulturorte in das sogenannte „Blaubuch“ aufnahm. Das Schütz-Haus wurde dort verzeichnet. Damit eröffnete sich die Möglichkeit, Bundesmittel zu beantragen.
Wir stellten Anträge beim Bund, beim Land, beim Landkreis und bei der Stadt. Stiftungen sagten Unterstützung zu, darunter die ZEIT-Stiftung und die Wüstenrot Stiftung. Dann kam, fast wie aus heiterem Himmel, ein Förderprogramm des Landes im Zuge der Finanzkrise. Wir erhielten zwei Förderbescheide. Den einen Förderbescheid erhielten wir vom Beauftragten für Kultur der Bundesregierung. Dieser betraf die grundlegende Neugestaltung des Daches. Der zweite Förderbescheid betraf die Ertüchtigung des gesamten Hauses.
Das Architekturbüro „Doc 2“ aus Dessau, ein Architekt und ein Kunsthistoriker, übernahm die Planung. Der Kunsthistoriker arbeitete sich akribisch in die Geschichte des Hauses ein.
Der damalige Bauamtsleiter Andreas Bischof schlug vor, in den Verein einzutreten und die Baukontrolle zu übernehmen. Er sagte, wenn ich es geprüft und abgezeichnet habe, könnte ich unterschreiben. Das war eine enorme Entlastung. Tatsächlich überschritten wir den Kostenrahmen nicht. Wir erzielten sogar einen Überschuss, mit dem wir zusätzliche Innenausstattung finanzieren konnten. Dafür flossen weitere Fördergelder vom Ostdeutschen Sparkassenverein, von der Kreissparkasse Weißenfels, vom Landesverwaltungsamt, vom Landkreis, der Stadt Weißenfels und eigene Spareinlagen des Vereins ein.
Für die museale Gestaltung gewannen wir Frau Dr. Sabine Vogel aus Berlin. Sie ergänzte sich hervorragend mit Frau Rucker, die eine stark im Musikalischen, die andere im Museologischen. Tragischerweise wurde bei Frau Dr. Vogel während der Arbeiten ein Gehirntumor diagnostiziert. Kurz vor ihrem Tod wollte sie das Haus noch einmal sehen. Ihr Partner brachte sie im Rollstuhl. Wir trugen sie die Treppe hinauf, ein Aufzug war noch nicht vorhanden. Sie bat mich, mit ihr ein Vaterunser zu beten. Dieser Moment war zutiefst bewegend. Es rannen viele Tränen, ich erinnere mich sehr gut an diesen Moment. Eine weitere Museologin beendete die gesamte nun erfolgte praktische Ausgestaltung.
Man erkannte jedoch schon von außen an den Renaissancegiebeln, dass es sich um ein bedeutendes Haus handelte. Die DDR ließ die unteren beiden Etagen instand setzen; das Dachgeschoss blieb in problematischem Zustand. Die Balken waren teilweise verfault, die Last wurde durch Doppel-T-Träger abgefangen.
Es kamen immer wieder Besucher aus aller Welt, echte Schütz-Kenner. Sie wussten, dass er in diesem Haus seine Alterswerke komponiert hatte. Ein Zeitzeuge aus der Dresdner Zeit, ein Pastor Georg Weiße aus der Nähe von Zeitz, berichtete, Schütz habe oben im Dachgeschoss in einer „Klause“ gearbeitet. Dort suchten wir nach Spuren. Ein Architekt machte uns schließlich klar: Wenn wir das Haus wirklich sanieren wollen, müsse das gesamte Dach abgetragen werden. Das klang zunächst nach einer unüberwindlichen finanziellen Hürde. Frau Rucker gelang es jedoch, Kontakt zu Paul Raabe aufzunehmen, der im Auftrag der Bundesregierung bedeutende Kulturorte in das sogenannte „Blaubuch“ aufnahm. Das Schütz-Haus wurde dort verzeichnet. Damit eröffnete sich die Möglichkeit, Bundesmittel zu beantragen.
Wir stellten Anträge beim Bund, beim Land, beim Landkreis und bei der Stadt. Stiftungen sagten Unterstützung zu, darunter die ZEIT-Stiftung und die Wüstenrot Stiftung. Dann kam, fast wie aus heiterem Himmel, ein Förderprogramm des Landes im Zuge der Finanzkrise. Wir erhielten zwei Förderbescheide. Den einen Förderbescheid erhielten wir vom Beauftragten für Kultur der Bundesregierung. Dieser betraf die grundlegende Neugestaltung des Daches. Der zweite Förderbescheid betraf die Ertüchtigung des gesamten Hauses.
Das Architekturbüro „Doc 2“ aus Dessau, ein Architekt und ein Kunsthistoriker, übernahm die Planung. Der Kunsthistoriker arbeitete sich akribisch in die Geschichte des Hauses ein.
Der damalige Bauamtsleiter Andreas Bischof schlug vor, in den Verein einzutreten und die Baukontrolle zu übernehmen. Er sagte, wenn ich es geprüft und abgezeichnet habe, könnte ich unterschreiben. Das war eine enorme Entlastung. Tatsächlich überschritten wir den Kostenrahmen nicht. Wir erzielten sogar einen Überschuss, mit dem wir zusätzliche Innenausstattung finanzieren konnten. Dafür flossen weitere Fördergelder vom Ostdeutschen Sparkassenverein, von der Kreissparkasse Weißenfels, vom Landesverwaltungsamt, vom Landkreis, der Stadt Weißenfels und eigene Spareinlagen des Vereins ein.
Für die museale Gestaltung gewannen wir Frau Dr. Sabine Vogel aus Berlin. Sie ergänzte sich hervorragend mit Frau Rucker, die eine stark im Musikalischen, die andere im Museologischen. Tragischerweise wurde bei Frau Dr. Vogel während der Arbeiten ein Gehirntumor diagnostiziert. Kurz vor ihrem Tod wollte sie das Haus noch einmal sehen. Ihr Partner brachte sie im Rollstuhl. Wir trugen sie die Treppe hinauf, ein Aufzug war noch nicht vorhanden. Sie bat mich, mit ihr ein Vaterunser zu beten. Dieser Moment war zutiefst bewegend. Es rannen viele Tränen, ich erinnere mich sehr gut an diesen Moment. Eine weitere Museologin beendete die gesamte nun erfolgte praktische Ausgestaltung.
Welche Rolle spielt ein solches Spartenmuseum für die Identität der Stadt Weißenfels?
Das ist keine ganz einfache Frage. Für viele Menschen ist das Haus heute selbstverständlich ein Teil von Weißenfels. Es steht dort, es ist saniert, man kann es besuchen, und viele waren auch schon darin. Jetzt entsteht natürlich durch die Erweiterung hier erst einmal wieder eine Pause, das ist gewiss. Doch was das Haus wirklich bedeutet, erschließt sich nicht jedem sofort. Nach der Fertigstellung habe ich bewusst jene Menschen eingeladen, die sich nach der Wende für Kultur eingesetzt hatten. Ich führte sie persönlich durch das Haus. Besonders eindrucksvoll ist die Komponierstube. Dort hört man die Stimme des alten Heinrich Schütz, gesprochen von dem Schauspieler Christian Steyer, der das wunderbar gestaltet hat. Wenn man die Besucher bittet, einen Moment still zu sein, wirkt diese Szene sehr stark. Man hat tatsächlich das Gefühl, Schütz selbst spreche hier im leichten Sächsisch, das ist großartig gemacht.
Solche Momente stiften Identität. Sie machen Geschichte lebendig. Und genau darin liegt die Bedeutung des Hauses für Weißenfels.
Solche Momente stiften Identität. Sie machen Geschichte lebendig. Und genau darin liegt die Bedeutung des Hauses für Weißenfels.
In Ihrer Zeit als Vorsitzender des Kulturausschusses in Weißenfels haben Sie die Gemeindegebietsreform begleitet. Welche Bedeutung hatte es dabei, die eingemeindeten Orte mit ihren kulturellen Traditionen einzubeziehen?
Nachdem ich als Landrat 2001 ausgeschieden war und später auch den Vereinsvorsitz abgegeben hatte, stellte ich fest, dass im Kulturausschuss der Stadt das Thema Schütz zu kurz kam. Es wurde viel über Nebensächliches gesprochen, aber nicht ausreichend über die kulturelle Substanz. Als ich dann gefragt wurde, ob ich noch einmal für den Stadtrat kandidieren wolle, sagte ich zu, allerdings mit klarer Ansage. Ich erklärte meiner Fraktion, dass ich mich ausschließlich für Kultur einsetzen würde, insbesondere für Musik und für die großen kulturellen Persönlichkeiten Weißenfels’. Für andere Themen würde ich mich nicht engagieren. Das wurde akzeptiert.
Mir war wichtig, dass endlich ein Kulturkonzept und ein Tourismuskonzept erarbeitet würden. Außerdem plädierte ich für die Einstellung eines hauptamtlichen Kulturmanagers und einer hauptamtlichen Tourismusmanagerin.
Die Eingemeindung der Dörfer war dabei eine sensible Angelegenheit. Jede Gemeinde ist stolz auf ihre eigene Identität. Natürlich hörte man oft: „Alles geht nach Weißenfels, wir bekommen nichts ab.“ Solche Prozesse erfordern Geduld und Gesprächsbereitschaft. Ich kannte viele Bürgermeister noch aus meiner Landratszeit und suchte gezielt den Dialog. Manche Orte integrierten sich schnell, andere hatten ein starkes, fast überdimensionales eigenes Selbstverständnis, verständlich auch aus der Geschichte der Orte in der DDR-Zeit.
Es war wichtig, die kulturellen Traditionen der Ortsteile wertzuschätzen und ihnen Raum zu geben. Das hat die Arbeit im Stadtrat bereichert, auch wenn die Sitzungen oft sehr lang waren, für mich nach einer Darmoperation nicht immer leicht durchzuhalten. Ich sagte damals: Ich bleibe so lange im Stadtrat, bis das Kulturkonzept beschlossen ist. Das war mein zentrales Anliegen und das wurde realisiert.
Mir war wichtig, dass endlich ein Kulturkonzept und ein Tourismuskonzept erarbeitet würden. Außerdem plädierte ich für die Einstellung eines hauptamtlichen Kulturmanagers und einer hauptamtlichen Tourismusmanagerin.
Die Eingemeindung der Dörfer war dabei eine sensible Angelegenheit. Jede Gemeinde ist stolz auf ihre eigene Identität. Natürlich hörte man oft: „Alles geht nach Weißenfels, wir bekommen nichts ab.“ Solche Prozesse erfordern Geduld und Gesprächsbereitschaft. Ich kannte viele Bürgermeister noch aus meiner Landratszeit und suchte gezielt den Dialog. Manche Orte integrierten sich schnell, andere hatten ein starkes, fast überdimensionales eigenes Selbstverständnis, verständlich auch aus der Geschichte der Orte in der DDR-Zeit.
Es war wichtig, die kulturellen Traditionen der Ortsteile wertzuschätzen und ihnen Raum zu geben. Das hat die Arbeit im Stadtrat bereichert, auch wenn die Sitzungen oft sehr lang waren, für mich nach einer Darmoperation nicht immer leicht durchzuhalten. Ich sagte damals: Ich bleibe so lange im Stadtrat, bis das Kulturkonzept beschlossen ist. Das war mein zentrales Anliegen und das wurde realisiert.
Welche Auswirkungen hatten Ihre persönlichen Erfahrungen in der DDR auf Ihr späteres Handeln?
Ich bin Chemiker und habe viele Jahre im Paraffin-Werk Webau gearbeitet. In der Anfangszeit unseres Lebens in Weißenfels gab es noch regelmäßig Sinfoniekonzerte im Kulturhaus, Aufführungen des Theaters Zeitz beispielsweise, wir sind oft hingegangen. Doch die Besucherzahlen gingen zurück, schließlich wurden die Veranstaltungen eingestellt. Das war sehr traurig. In der DDR ist kulturell vieles erodiert. Und auch schon zuvor, durch die Verproletarisierung im 19. Jahrhundert und später in der NS-Zeit, ging viel verloren. Es gab immer einzelne engagierte Lehrer und Intellektuelle, doch es war ein kleiner Kreis. Man kannte sich untereinander.
Nach der Wende erlebte ich persönlich einen tiefen Einschnitt. Ich hatte in meinem Fachgebiet rund 70 Patente angemeldet. Einige wurden umgesetzt. Doch nach 1990 interessierte sich plötzlich niemand mehr dafür. Im Werk wurde mir signalisiert, dass man mich nicht mehr brauche.
In dieser Zeit sprach mich die CDU an, ob ich für die Kommunalwahl kandidieren wolle. Ich war kein Parteimitglied, ließ mich aber aufstellen, in der Annahme, dass mich ohnehin kaum jemand kenne. Am Ende hatte ich die zweitmeisten Stimmen. Das war die damalige Stimmung. Im Kreistag meldete ich mich zu Wort, wenn ich es für nötig hielt. Schließlich wurde ich als Landrat vorgeschlagen. Ich sagte zu, unter der Bedingung einer loyaler Zusammenarbeit. Gewählt wurde ich mit nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung.
Diese Erfahrungen haben mich geprägt: Verantwortung übernehmen, wenn es notwendig ist, und Dinge nicht einfach laufen lassen.
Nach der Wende erlebte ich persönlich einen tiefen Einschnitt. Ich hatte in meinem Fachgebiet rund 70 Patente angemeldet. Einige wurden umgesetzt. Doch nach 1990 interessierte sich plötzlich niemand mehr dafür. Im Werk wurde mir signalisiert, dass man mich nicht mehr brauche.
In dieser Zeit sprach mich die CDU an, ob ich für die Kommunalwahl kandidieren wolle. Ich war kein Parteimitglied, ließ mich aber aufstellen, in der Annahme, dass mich ohnehin kaum jemand kenne. Am Ende hatte ich die zweitmeisten Stimmen. Das war die damalige Stimmung. Im Kreistag meldete ich mich zu Wort, wenn ich es für nötig hielt. Schließlich wurde ich als Landrat vorgeschlagen. Ich sagte zu, unter der Bedingung einer loyaler Zusammenarbeit. Gewählt wurde ich mit nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung.
Diese Erfahrungen haben mich geprägt: Verantwortung übernehmen, wenn es notwendig ist, und Dinge nicht einfach laufen lassen.
Sie sind heute noch kulturvermittelnd tätig, nun in Halle an der Saale. Können Sie uns davon erzählen?
Seit wir in Halle leben, habe ich festgestellt, dass hier sehr viele kulturinteressierte Menschen wohnen. Das ist spürbar anders als in Weißenfels. Man bat mich, im Marthahaus einen Vortrag über Heinrich Schütz zu halten. Ich wählte das Thema „Der alte Schütz – Weihnachtshistorie und Schwanengesang“. Diese Werke gehören zu seinen letzten großen Kompositionen, entstanden in Weißenfels.
Die Weihnachtshistorie ist ein populäres Werk, das sich auch gut für Kinder und Jugendliche eignet. Der Schwanengesang basiert auf dem 119. Psalm, dem längsten Psalm überhaupt. Als Hofkapellmeister in Dresden hatte Schütz zahlreiche Psalmen vertont, doch zu diesem umfangreichen Psalm kam er erst im hohen Alter. Er hatte mehrfach um seine Entlassung gebeten, wollte nach Weißenfels zurückkehren. Erst nach dem Tod des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen durfte er gehen. In Weißenfels lebte er mit seiner Schwester Justina, die verwitwet war und ihm den Rücken freihielt. Als sie 1672 starb, kehrte er im hohen Alter noch einmal nach Dresden zurück. Hier wurde er später neben seiner Frau in der Frauenkirche beerdigt.
Schütz war hoch angesehen, nahezu ministergleich in seinem Rang. Man nennt ihn den „Vater der deutschen Musik“, weil er die deutsche Sprache bewusst auch in die Kirchenmusik einführte. Viele seiner Schüler besuchten ihn bis an sein Sterbebett. Sein Schüler Christoph Bernhard berichtet, sie hätten ihm gesungen, und so sei er friedlich eingeschlafen.
Die Weihnachtshistorie ist ein populäres Werk, das sich auch gut für Kinder und Jugendliche eignet. Der Schwanengesang basiert auf dem 119. Psalm, dem längsten Psalm überhaupt. Als Hofkapellmeister in Dresden hatte Schütz zahlreiche Psalmen vertont, doch zu diesem umfangreichen Psalm kam er erst im hohen Alter. Er hatte mehrfach um seine Entlassung gebeten, wollte nach Weißenfels zurückkehren. Erst nach dem Tod des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen durfte er gehen. In Weißenfels lebte er mit seiner Schwester Justina, die verwitwet war und ihm den Rücken freihielt. Als sie 1672 starb, kehrte er im hohen Alter noch einmal nach Dresden zurück. Hier wurde er später neben seiner Frau in der Frauenkirche beerdigt.
Schütz war hoch angesehen, nahezu ministergleich in seinem Rang. Man nennt ihn den „Vater der deutschen Musik“, weil er die deutsche Sprache bewusst auch in die Kirchenmusik einführte. Viele seiner Schüler besuchten ihn bis an sein Sterbebett. Sein Schüler Christoph Bernhard berichtet, sie hätten ihm gesungen, und so sei er friedlich eingeschlafen.
Womit kann der Burgenlandkreis, insbesondere Weißenfels, Menschen für die Region interessieren?
Eine zentrale Rolle spielt die Mitteldeutsche Barockmusik, gegründet 1995 in Weißenfels. In einem Gründungskonzert erklangen Werke von Bach, Händel, Telemann, Johann Philipp Krieger und Schütz, gespielt von namhaften Künstlern unter der Leitung von Michael Schönheit.
Die Region Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bildet ein einzigartiges Zentrum der Barockmusik. Bach war gebürtiger Thüringer, Telemann stammt aus Magdeburg, Händel aus Halle, Schütz wurde geboren in Köstritz. In keinem anderen Gebiet Deutschlands gibt es eine solche Dichte an barocken Wirkungsstätten.
Das Heinrich-Schütz-Fest bringt jedes Jahr renommierte Ensembles nach Weißenfels. Die großen Konzerte finden in der Marienkirche statt, kleinere in der Schlosskirche, einem idealen Raum für Barockmusik, wie viele Künstler betonen. Besonders die Aufführungen der Weihnachtshistorie sind regelmäßig ausverkauft.
Neben Schütz ist auch Novalis eine bedeutende Gestalt der Stadtgeschichte. Er wirkte und starb in Weißenfels, wurde jedoch nur knapp 30 Jahre alt. Für mich sind Schütz und Novalis die beiden prägenden Kulturpersönlichkeiten der Stadt.
Sie sitzen nun beide in Lebensgröße und aus Bronze auf einer Bank an der Marienkirche.
Die Region Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bildet ein einzigartiges Zentrum der Barockmusik. Bach war gebürtiger Thüringer, Telemann stammt aus Magdeburg, Händel aus Halle, Schütz wurde geboren in Köstritz. In keinem anderen Gebiet Deutschlands gibt es eine solche Dichte an barocken Wirkungsstätten.
Das Heinrich-Schütz-Fest bringt jedes Jahr renommierte Ensembles nach Weißenfels. Die großen Konzerte finden in der Marienkirche statt, kleinere in der Schlosskirche, einem idealen Raum für Barockmusik, wie viele Künstler betonen. Besonders die Aufführungen der Weihnachtshistorie sind regelmäßig ausverkauft.
Neben Schütz ist auch Novalis eine bedeutende Gestalt der Stadtgeschichte. Er wirkte und starb in Weißenfels, wurde jedoch nur knapp 30 Jahre alt. Für mich sind Schütz und Novalis die beiden prägenden Kulturpersönlichkeiten der Stadt.
Sie sitzen nun beide in Lebensgröße und aus Bronze auf einer Bank an der Marienkirche.
Was braucht es künftig, um die Region kulturell und gesellschaftlich positiv weiterzuentwickeln?
Es braucht Menschen, die für Kultur brennen und andere mitreißen können. Einzelkämpfer genügen jedoch nicht. Es braucht eine engagierte Gemeinschaft.
Mein Enkel fragte mich einmal nach dem Sinn meines Lebens und meine größte Leistung. Ich erhielt das Bundesverdienstkreuz, war Landrat, doch für mich war die Rettung und Neugestaltung des Heinrich-Schütz-Hauses bedeutsamer. Und zwar als ein gemeinsames Werk unter meiner Mitwirkung.
Als Henrike Rucker nach Leipzig wechselte, suchten wir eine Nachfolge. Die Entscheidung für Dr. Mike Richter war absolut richtig. Er ist ein Phänomen. Man braucht Persönlichkeiten, die fachlich kompetent sind und zugleich Begeisterung ausstrahlen sowie gerade auch bei Kindern und Jugendlichen Begeisterung wecken. Denn am Ende lebt Kultur von Menschen, die Verantwortung übernehmen; und andere anstecken.
Mein Enkel fragte mich einmal nach dem Sinn meines Lebens und meine größte Leistung. Ich erhielt das Bundesverdienstkreuz, war Landrat, doch für mich war die Rettung und Neugestaltung des Heinrich-Schütz-Hauses bedeutsamer. Und zwar als ein gemeinsames Werk unter meiner Mitwirkung.
Als Henrike Rucker nach Leipzig wechselte, suchten wir eine Nachfolge. Die Entscheidung für Dr. Mike Richter war absolut richtig. Er ist ein Phänomen. Man braucht Persönlichkeiten, die fachlich kompetent sind und zugleich Begeisterung ausstrahlen sowie gerade auch bei Kindern und Jugendlichen Begeisterung wecken. Denn am Ende lebt Kultur von Menschen, die Verantwortung übernehmen; und andere anstecken.
Danke, Herr Kreis, für Ihre Erinnerungen und Ihre Zeit.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
© Foto(s): Burgenlandkreis, Amt für Bildung Kultur und Sport