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Der Burgenlandkreis ist bevölkert von vielen Menschen, welche ihr Umfeld, ihre Heimat, mitgestalten. Denen, die gerade im kulturellen Sektor aktiv sind, möchte diese Interviewserie von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner mehr Sichtbarkeit verschaffen.

In Teil 2 der großen Interviewreihe bekommt die Jazzerin, Autorin und Kulturvermittlerin Anne Martin aus Lossa das Wort. KUMBRA-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihr über die von ihr ins Kulturleben zurückgebrachte Villa Vollmann, die Hilfe von Freundinnen, Freunden und Familie bei der Umsetzung ihrer Angebotspalette und wie der Burgenlandkreis kulturell sichtbarer gemacht werden kann. Und Anne Martin bringt auch zur Sprache, worauf die Menschen in Lossa stolz sein können.

"Die größte Herausforderung ist immer das Geld.", Interview mit Anne Martin

über Anne Martin

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Die größte Herausforderung ist immer das Geld.

Interview mit Anne Martin

Guten Tag Anne Martin. Sie leben mit Ihrer Familie seit 2018 in der Villa Vollmann in Lossa und gestalten hier das kulturelle Leben des Burgenlandkreises mit. Vor über 100 Jahren war die Villa Vollmann einst ein Hochzeitsgeschenk. Wie kam es, dass Sie sich hier ansiedelten? War Ihnen die Welt zwischen Jazz und Satiremagazin, Buchveröffentlichung und Swing zu groß und zu laut geworden?
So ähnlich, aber auch ganz anders. Schon 2017 hatte ich die Villa Vollmann im Internet inseriert entdeckt. Eigentlich war ich auf der Suche nach alten Möbeln, um unsere Wohnung in der Erfurter Altstadt aufzustocken, da wir im selben Jahr unser erstes Kind bekommen haben.
Die Beschreibung vor allem der Historie rund um das Bau- und Kulturdenkmal hat mir sofort Amors Pfeil ins Herz getrieben: Romantik, rebellische Kunstgeschichte, Individualismus. Das war voll meins.
Im Spätsommer 2017 sagte ich zu meinem heutigen Ehemann: „Komm, lass uns einfach mal hinfahren, vielleicht entzaubert mich der reale Anblick ja.“ Überraschung, tat er nicht. Nach einem Jahr denkmalgerechter Sanierung mit teilweise fünf affinen Gewerken sind wir im Advent 2018 eingezogen; frisch verheiratet, ich mit unserem zweiten Kind unterm Herzen und der Vision, Kultur in einem Kulturdenkmal langfristig zu etablieren.
Villa Vollmann bei ihrer Erbauung 1921
Villa Vollmann bei ihrer Erbauung 1921
Die Konzertpremiere in Ihrem Haus fand 2019 mit dem großartigen Jürgen Walter (Ein bißchen Du, ein bißchen Ich) statt. Wie wurden Sie und Ihr musikalisches Angebot an die Region damals aufgenommen?
Da spielte vor allem sicherlich auch die Neugier der Lossaer eine große Rolle. Die meisten sind mit dem Haus groß geworden, kannten es noch in altem Glanz, sahen es verfallen und haben zum Teil sogar selbst einmal darin gewohnt. Jürgen Walter als überragender Chansonnier und jahrzehntelanger Freund der Familie war da quasi das Sahnehäubchen, das die Leute durch die erstmals seit vielen Jahren wieder geöffnete Tür ins authentisch in die damalige Zeit passende und wieder hergerichtete Gebäude strömen ließ.
Villa Vollmann 2017
Villa Vollmann 2017
Jahre später hatten Sie sogar Stefan Gwildis als Gast auf Ihrer Bühne. Das ist schon das oberste Kaliber in der Sangeskultur. Was hatte sich in der Zwischenzeit verändert? Wie haben Sie Ihr Angebot ausgebaut?
Ich muss gestehen, dass ich mir am liebsten Künstlerinnen und Künstler in unser Wohnzimmer, beziehungsweise unseren Garten, hole, die ich selbst schätze und gerne live erlebe (Farin Urlaub, Nick Cave, ich habe für Euch jederzeit Vakanzen). Stefan Gwildis war ein Traum, den ich mir einfach erfüllen musste, auch wenn wir danach pleite waren. Dieser Abend war einmalig, nicht nur für uns. Etliche, die damals dabei waren, schwärmen heute noch von dem Flair, welches die Mischung aus Gwildis, seiner tollen Band und der Heimeligkeit unseres Grundstücks in diesen Sommerabend brachte.
Zwischen Jürgen Walter und Stefan Gwildis lag bekanntlich die Corona-Zeit mit ihren Restriktionen, vor allem in der Realisierung kultureller Veranstaltungen und Begegnungen, weshalb wir da beruflich, wie auch in der ehrenamtlichen Herzenssache „Villa Vollmann“ sehr eingeschränkt waren. Dennoch hatten wir 2022 tolle Sommerkonzerte und Salonabende im Advent mit lieben Kollegen und Kolleginnen, die als Musiker und Freunde bis heute unsere Veranstaltungen bereichern und unterstützen.
Konzert mit Stefan Gwildis vor der Villa Vollmann
Konzert mit Stefan Gwildis vor der Villa Vollmann
Lossa (Finne) hat etwas über 800 Einwohnende, das ist doch ein ganzes Stückchen entfernt von der Kulturpublikumsmasse beispielsweise in Leipzig mit den über 600.000 Leipzigerinnen und Leipzigern. Wie konzipieren Sie Ihre Veranstaltungen in der Villa Vollmann? Was muss bedacht werden, wenn man ein kulturelles Angebot auf dem Lande macht? Was ist anders als in Erfurt oder Jena?
Der logistische und bürokratische Ablauf beim Veranstalten ist tatsächlich der gleiche, nur in klein, was allerdings nicht weniger Aufwand bedeutet. Zumal wir kein großes oder auch mittelgroßes Team sind, welches sich Planung, Marketing, Onlineauftritt, Akquise, Behördliches, Ticketing, Catering und Bar, Herrichten der Location, Technik, Einlass etc. untereinander aufteilt. Mein Mann, meine Eltern (die ihre Berufe auch auf und hinter der Bühne ausgeübt haben) und ich stemmen diesen ganzen Klops als Familienunternehmen, ohne ein Unternehmen zu sein. An den heißen Tagen, knapp vor und während der Veranstaltungstage, kommen noch eine Handvoll lieber Freunde dazu, ohne die es ebensowenig ginge.
Und natürlich gibt ein mittelgroßer Garten in Lossa nicht so viel Platz her wie eine Kultur-Arena oder ein Haus Auensee, aber dafür gibt es hier ein Feeling, das man in großen Konzerthallen oder Spielstätten nicht findet: Die Kultur findet ganz nah statt an einem Ort, der locker das Zuhause eines jeden Gastes bei uns sein könnte. Hier geht es nicht nur um das pure Rezipieren von Musik, Theater oder Literatur, sondern um den Genuss und die Möglichkeit, ganz in der Nähe oder sogar in der unmittelbaren Nachbarschaft einen unvergesslichen Abend zu verbringen.
Kulturelle Räume zu öffnen, heißt ja auch immer, Räume der Begegnung, der Nachbarschaft, des Gesprächs und des Austauschs zu öffnen, eigene Räume der Öffentlichkeit zur temporären Nutzung zu überreichen. Wie war und ist die Resonanz aus der Region so?
Mit unseren Veranstaltungen, beziehungsweise dem Öffnen der Villa Vollmann für ein Publikum, befinden wir uns aktuell im siebten Jahr. In dieser Zeit haben sowohl unsere Gäste als auch wir eine Metamorphose durchlaufen: Waren es in den ersten Jahren mehr Menschen aus den umliegenden Städten (Weimar, Erfurt, Naumburg, Querfurt etc.), die den Weg zu uns fanden, kommen mittlerweile immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner aus Lossa zu uns, was uns natürlich riesig freut. Egal wo: Als zugezogener Städter auf dem Dorf, und dann auch noch mit unseren doch recht ungewöhnlichen Berufen, hast Du es nicht leicht, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, auch wenn Du Dich längst angekommen fühlst. Und in diesem Moment entscheiden sowohl Geschmack als auch Sympathie, ob Du die Menschen aus Deiner Nachbarschaft abholst oder eben nicht. Da reicht es nicht, großartige Künstlerinnen und Künstler auf die Bühne zu stellen. Wenn Du Dich nicht selbst ein bisschen im Dorfleben blicken lässt und den einstelligen Städter in Dir ein Stück weit abkapselst, wirst Du die harte Nuss nie knacken.
2025 war da so ein Wendepunkt, von dem ich sagen kann, dass die Villa Vollmann als Ort der Kultur nun auch bei den Menschen aus Lossa angekommen ist.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie bei der Umsetzung Ihres kulturellen Angebots, bezogen auf die ländliche Region? Gab es Widerstände? Und wie sind Sie mit diesen umgegangen?
Die größte Herausforderung ist immer das Geld. Da können alle Veranstaltenden das gleiche Lied singen. Was wir in den ersten Jahren auf den Putz gehauen haben, was große Namen und die Menge der Veranstaltungen betrifft, um die Villa Vollmann als Kulturstätte zu etablieren, dampfen wir seit einiger Zeit ein bisschen ein. Am Ende muss ich realistisch sein: Die Veranstaltungen in unserem Haus, unserem Zuhause, sind reine Passion und nichts, was sich auch nur im Ansatz monetär lohnt. Wer denkt, wir schreiben schwarze Zahlen, kennt den ganzen Aufwand rund um ein Veranstaltungsjahr nicht. Manch ein Gespräch mit Nachbarn hat mir das bestätigt, die den Zauber, den Spaß solcher Konzertabende erleben, aber nicht, wie viel Blut und Schweiß eine ganze Familie da hineinsteckt, damit mehr als eine ganze Familie glücklich nach einem Kulturerlebnis bei uns das Grundstück wieder verlässt - und im Bestfall das nächste Mal mit Freunden wiederkommt.
Und doch zeigen die vergangenen Jahre, dass wir uns mit der Villa Vollmann, die ja nur ein ganz konträres Programmangebot fährt, im Gegensatz zu den vielen anderen und ebenfalls unermüdlich auf die Beine gestellten Veranstaltungen in Lossa, menschlich und inhaltlich gut eingepasst haben und, so hoffe ich, den Veranstaltungskalender abwechslungsreich ergänzen.
Sie sind eine begnadete Jazz-Sängerin und haben in diversen Ensembles intoniert. Wie steht es denn hier mit der Karriere im Jazz-Kosmos? Ist Lossa als Mittelpunkt Ihrer Jazz-Welt ein gutes Pflaster?
Haha. Ein rutschiges, aber schon begehbares Pflaster. Jazz ist ja zum Glück nicht gleich Jazz und ich muss nicht auf Biegen und Brechen Kapellen auf unsere Bühne stellen, die nur mit ungeraden Taktarten und ständigen Harmoniewechseln aufwarten. Mit Empathie und der richtigen Mischung kann man sich aber auch hier sein Jazz-Publikum ein bisschen er- und heranziehen.
Und zu meinem Glück ist Lossa die meisten Tage des Jahres ja eher der Ort, an dem ich mit meiner Familie lebe, mit dem Hund durch die Wälder streife, die Schafe schere oder die Hände im Ackerboden vergrabe, anstatt in Abendrobe den alten Jazzgrößen zu huldigen.
Die Villa Vollmann 2025
Die Villa Vollmann 2025
Es gibt auch ein Buch von Ihnen, welches ich hochinteressant finde. Hier haben Sie die Lebensgeschichten von Dean Reed und Udo Lindenberg miteinander verwoben. Wie kam es zu diesem Buch und wo gibt es dieses noch zu erstehen? Ich fand es im antiquarischen Internetbuchhandel.
Hui, da haben Sie ja in meinem vorvorletzten Leben gegraben. Aber ja, eine ISBN sollte jeder im Leben mal haben. Spaß.
Mein Buch „Grenzgänger? Dean Reed, Udo Lindenberg und die DDR-Kulturpolitik“ ist tatsächlich nur durch Zufall eins geworden. Ganz ursprünglich war die Abhandlung meine hochwissenschaftliche Magister-Abschlussarbeit in der Musikwissenschaft mit tausenden Fußnoten und noch mehr Schachtelsätzen, die ich für die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen vor ungefähr zehn Jahren abgespeckt hatte. Dort müsste man das Buch auch noch kostenfrei bekommen, und wie ich gehört habe, ist es heute noch an vielen Thüringer Schulen als Klassensatz Teil des Unterrichts. Schon schön.
Zurück nach Lossa: Wenn Sie Gäste haben, wohin gehen Sie mit ihnen? Was muss man in Lossa unbedingt gesehen haben?
Meine Gäste kommen häufig am Wochenende zu Besuch. Deswegen flitzen wir meistens noch schnell zur Bäckerei Zubrodt, bevor die samstags um 11:00 Uhr schließt, um hoffentlich noch einige der leckersten Pfannkuchen der Welt abzustauben. Danach geht es unbedingt raus in die Natur, die Feldwege entlang oder durch die Muna. Das macht einfach den Kopf frei und das Herz leicht.
Gibt es eigentlich auch Kontakt zu anderen regionalen Kulturorten oder Kulturaktiven? Wenn ja, zu wem und wie?
Ich bin wirklich froh, dass Lossa im Verhältnis zu seiner Größe ein wirklich riesiges kulturelles Angebot für jeden Geschmack bietet. Da verquicken sich auch die Vereine, Verantwortlichen und Realisierenden, sodass man zwangsläufig immer wieder an einen Tisch kommt, und das nicht nur spätestens dann, wenn der Kulturausschuss zwei Mal im Jahr zusammensitzt. Da findet teilweise mehr Kommunikation und Spontaneität in der Umsetzung statt, als ich es aus der Stadt kenne, und darauf kann sich dieses Dörfchen schon was einbilden, finde ich.
Was braucht es, Ihrer Meinung nach, um die Region, den Burgenlandkreis, kulturell nach vorn zu bringen, vielleicht auch im größeren Rahmen sichtbarer zu machen?
Darüber könnte ich mich stundenlang ergießen. Die Quintessenz ist aber immer wieder eine stabile Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren untereinander und gegebenenfalls Verwaltungen, aber vor allem bürokratisch niedrigschwellige finanzielle Stabilität, gewährleistet durch Kreis, Land und Bund.
Danke. Für Ihre Zeit, Ihr Engagement und Ihre Antworten.
Das Interview wurde geführt von KUMBRA-Redakteur Volly Tanner
© Foto(s): Villa Vollmann (Anne Martin)