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Winter 1987 – Hochwasser an der Unstrut

Heimatgeschichte von Annett Kreil

Es war ein strenger Winter. Frostige Tage, die nicht einfach kamen und schnell wieder vorbeigingen, sondern im Gedächtnis blieben. Mitte Januar, kurz nachdem die Schule wieder begonnen hatte, fiel der Strom aus. Für Tage. Drei, vielleicht auch länger – als Kind zählte ich nicht die Stunden, sondern die Abenteuer.
Wir saßen zu viert um den alten Kachelofen im Kinderzimmer, der sonst nie benutzt worden war. Jetzt war er endlich an. Er stank nach Plastik. Irgendwann hatte ich dort etwas hineingestopft. Monate zuvor, als wir gerade in das umgebaute Haus gezogen waren. Beim Hänsel-und-Gretel-Spielen. Es sollte die Hexe sein. Etwas Symbolisches. Was genau es war, wusste ich nicht mehr. Aber jetzt verbrannte es.
Der Schnee lag meterhoch und meine Schwester und ich bauten Schneemänner, spielten Gerda und Kai auf der Suche nach der Schneekönigin und versuchten im Garten hinter dem Haus, Ski zu laufen. Vater schaufelte uns einen kleinen Hügel. Unser eigener Fichtelberg im Kleinformat. In der Küche machte unsere Mutter Suppe auf dem alten, kleinen Holzofen warm. Das ganze Haus roch nach Rauch. Wir aßen aus tiefen Tellern, die wir mit beiden Händen festhielten, um uns zu wärmen. Manchmal gab es auch Mandarinen aus der Dose. Die hatten wir zu Weihnachten bekommen, von der Verwandtschaft aus dem Westen. Sie schmeckten süß und irgendwie fremd. Ich mochte sie nicht besonders, aß sie aber trotzdem. Man aß solche Sachen auf. Ohne Murren.
In den frühen Winterabenden starrten die Eltern auf die Kerzen, die kürzer wurden. Meine Schwester und ich hüllten uns in Decken und erzählten uns Geschichten. Wir freuten uns über diese Zeit ohne Stundenplan, ohne Müssen, und wussten, dass sie nicht lange andauern würde.
Nicht nur der kalte Rauch lag über dem Dorf, auch eine innere Unruhe brachte dieser Winter mit. Als hätte der Winter etwas angestoßen, das nicht mehr aufzuhalten war. Ich spürte nur: Das hier war kein gewöhnlicher Winter. Er war ein Vorbote. Ein Versprechen. Und ich wartete mit.
Der Ärger über den stinkenden Ofen verlor sich mit der Zeit. Und auch der Frost ließ irgendwann nach. Nicht plötzlich, sondern zögerlich, als müsse er sich erst entscheiden. Der Schnee zog sich zurück, blieb noch in schattigen Ecken liegen, am Fuße der Mauern, an den Rändern der Felder. Die Äcker waren hart und dunkel, gefroren unter der Oberfläche, und wenn die Sonne tagsüber schien, glitzerte es kurz, bevor am Abend wieder alles fest wurde. Wasser stand in flachen Mulden, zog sich zurück, kam wieder.
Die Erwachsenen beobachteten das Wetter genauer als sonst. Sie blieben stehen, blickten über die Felder, prüften den Boden mit den Schuhsohlen. Die Winterstarre löste sich, es wurde wieder mehr gesprochen. Die Großeltern freuten sich, dass ihre müden Knochen dem Winter getrotzt hatten. Nachbarn kamen vorbei. Der Frühling wollte vorbereitet werden.
Der Wind kam zurück, anders als noch im Januar oder Februar. Milder, versöhnlicher. Er roch nach nasser Erde. Und als er durch den Vierseitenhof fuhr und das alte Laub in Bewegung brachte, spürte ich das nächste Abenteuer.
Über dem großen Scheunentor fegte es immer wieder hinweg. Ich lief meiner Oma hinterher, die ihre Kittelschürze trug und die Jacke offen, als hätte sie keine Zeit, sie zu schließen. Sie musste noch etwas nachsehen. Das merkte ich an ihrem Schritt.
Ich wusste nicht, was sie mir zeigen wollte. Mein Blick hing am Himmel, an den dunklen Wolken, die eilig vorüberzogen, schwer und tief. Es braute sich etwas zusammen. Das spürte man. Der Wind war der Vorbote. Immer. Er kam nie allein. Und ich liebte ihn dafür. Für dieses Drängen, für das Versprechen, dass etwas passieren würde.
Zwischen den hohen Gemäuern des Hofes konnte mir nichts geschehen. Hier war alles vertraut. Hier griffen Hände nach Riegeln, wurden Türen geschlossen, Bretter geprüft, Dinge an ihren Platz gebracht. Festmachen, nannten es die Erwachsenen. Ich ging mit, hörte zu, sah zu. Während draußen der Wind stärker wurde, hielt der Hof stand. Und ich mit ihm.
Wir gingen in den Kartoffelkeller. Die alten Steinstufen waren abgewetzt und kühl, der Raum roch nach Erde und Moder. Meine Oma blieb stehen und zeigte auf den Lehmboden. Dort war eine Mulde, so groß, wie ein Gummiball, den jedes Jahr der Osterhase brachte. Das Loch war nicht zu übersehen. Wir gingen ganz nah heran. Wenn dort das Grundwasser steht, dann gibt’s Hochwasser. Dann kommt die Unstrut.
Ich kniete mich hin, sah hinein. Es war dunkel darin. Es glänzte feucht. Ich verstand nicht alles, aber ich verstand genug. Dass man warten musste. Dass es Zeichen gab. Dass nicht alles gleichzeitig geschah.
Die Tage vergingen. Ich dachte an den modrigen Kartoffelkeller. Immer wieder schaute ich aus dem Küchenfenster. Sobald meine Oma Richtung Scheune marschierte, flitzte ich die Treppe hinunter, zog mir die Gummistiefel an und hoffte. Nicht aus Angst, sondern aus Neugier. Ich wollte sehen, was passiert, wenn etwas kommt. Ich hatte noch nie Hochwasser erlebt. Ich stellte es mir vor wie etwas Großes. Etwas Magisches.
Und eines Tages war es so weit. In der Mulde stand das Wasser randhoch. Ich schaute meine Oma erwartungsvoll an, hoffte auf den großen Moment, auf die Verkündung. Doch sie sagte nichts. Sie nickte nur. Diese eine Bewegung, ruhig und ohne Aufregung. Gewissheit.
Wie schlimm es werden würde, wusste auch sie nicht. Hühner, Gänse und Enten durften nicht mehr in den weitläufigen Garten hinter dem Gehöft. Auch die Schafe sah ich nicht mehr auf der verpachteten Champignonwiese, die an den Damm grenzte. Sandsäcke wurden an die Scheunentore gehievt. Dann kam die Stille. Als würden alle den Atem anhalten. Der Wind war weg. Und meine Vorfreude kippte. In ungeduldiges Warten.
Drinnen lief das Radio fast ohne Unterbrechung. Es stand in der Küche, auf der Fensterbank, und sprach in kurzen Abständen von Wasser. Von Orten. Von Zahlen, die mir nichts sagten. Meine Eltern hörten genauer hin als sonst. Manchmal wurde das Radio leiser gedreht, manchmal lauter.
Bei uns klingelte oft das Telefon. Wir hatten schon eins. Andere noch nicht. Nachbarn kamen vorbei, blieben an der Tür stehen oder lehnten sich über die mit Efeu überwucherte Sandsteinmauer und fragten, ob wir etwas wüssten. Ob jemand angerufen hätte. Ob es weiter oben schon schlimm sei. Meine Eltern erzählten weiter, was sie gehört hatten. Was Bekannte berichtet hatten. Dass es bei Artern schon hochstand. Dass in Wennungen die Wiesen schon bedeckt waren. Dass man am Wendelsteiner Wehr aufpasste.
Ich hörte diese Sätze immer wieder. Sie sagten Wendelstein, und ich dachte an die Burg, die man von unseren Wiesen aus sehen konnte. Mein Vater fuhr dort jeden Morgen hin zur Arbeit. Schulfreunde wohnten dort. Der Fluss lag genau dazwischen. Hinter dem Damm verborgen. Doch stellte ich mir vor, dass dort etwas geschah, auch wenn ich nicht wusste, was genau die Erwachsenen meinten.
So vergingen die Tage. Mit Stimmen aus dem Radio. Mit halben Sätzen am Telefon. Mit dem Gefühl, dass etwas näherkam, auch wenn man es noch nicht sehen konnte.
Ende März stand endlich das Wasser auf den Wiesen. Für die Erwachsenen lief es glimpflich ab. Die Katastrophe blieb aus. Sie waren erleichtert und ich selig.
Ich trug Gummistiefel und stapfte über das Gras hinter dem Hof. Es war matschig, gab unter jedem Schritt nach, sog sich voll. Machte lustige Geräusche. Je weiter ich Richtung Damm lief, desto höher stand stellenweise das Wasser. Es kroch heran, still und geduldig. Ich zog ein weißes Plastikboot hinter mir her, einen kleinen Dampfer, wie man ihn auf Flüssen findet. An einer Schnur, die ich fest um die Hand gewickelt hatte.
Ich wusste, dass ich nicht zu weit gehen durfte. Ich blieb am Rand, dort, wo der Boden mich noch trug. Immer in den Blickwinkeln der Erwachsenen. Sie waren in meiner Nähe, gingen Wege ab, blieben stehen, redeten, griffen nach Werkzeugen. Vielleicht bereiteten sie sich vor, falls das Wasser weiter steigen würde. Vielleicht machten sie nebenbei schon den Garten frühlingsfit. Ich hielt sie im Blick, so wie sie mich im Blick behielten.
An der Bank, auf der mein Opa immer gesessen hatte, blühte die Forsythie. Gelb, als wäre nichts geschehen. Als hätte es den strengen Winter nie gegeben. Das Wasser stand auf der Wiese, und doch war alles ruhig. Ich erinnere mich an dieses Bild, als gäbe es ein Foto davon. Als wäre es festgehalten worden. Aber es existiert nur in mir. Eine Momentaufnahme. Der Rand des Hochwassers. Und ich mittendrin, mit meinem kleinen Dampfer, bereit – und doch vorsichtig.
Annett Kreil - Autorin

über Annett Kreil

Werdegang

  • Annett Kreil wurde 1981 in Querfurt geboren und wuchs in Kaiserpfalz/Memleben auf.
  • Für ihre Ausbildung zur Bankkauffrau zog sie nach München. Nach der Elternzeit machte sie ihre Leidenschaft für Literatur zum Beruf, unterstützt heute als ausgebildete Lektorin Autorinnen und Autoren und ist zudem als Literaturbloggerin tätig.
  • Annett Kreil schreibt und veröffentlicht unter dem Pseudonym Anne Weinhaus Regionalkrimis aus der Saale-Unstrut-Region. Bereits erschienen: „Spätlese – Lang lebe die Königin“ (08/2025). In Vorbereitung: „SILENTIA – Das Gift der Stille“ (Weihnachten 2026).

Weiteres

  • Die Landschaft der Saale-Unstrut-Region und das Elternhaus sind bis heute ein wichtiger Bezugspunkt ihres Schreibens.
  • Die Verbundenheit zu Land und Leuten ihrer Heimat bildet einen zentralen Bestandteil ihrer literarischen Arbeit.
© Foto(s): Annett Kreil privat