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Am Rand der heutigen Wahrnehmung

Heimatgeschichte von Felix Staacke

Stadtansicht von Naumburg an der Saale Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner / Johann Georg Ringlin, 18. Jh.; Bildarchiv Foto Marburg (Public Domain Mark 1.0)
Stadtansicht von Naumburg an der Saale Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner / Johann Georg Ringlin, 18. Jh.; Bildarchiv Foto Marburg (Public Domain Mark 1.0)

Am Rand der heutigen Wahrnehmung, im Zentrum des spätmittelalterlichen Konflikts – eine exemplarische Untersuchung des Naumburger Lindenrings als Schauplatz spätmittelalterlicher innerstädtischer Teilung

Viele Naumburgerinnen und Naumburger überqueren täglich den heutigen Lindenring: Schüler auf dem Schulweg, Berufstätige zwischen Terminen, Touristen auf dem Weg in die Innenstadt. Meist geschieht das beiläufig, begleitet vom Verkehr, von Gesprächen und den Routinen des Tages. Kaum jemand nimmt dabei wahr, dass dieser heute unscheinbare Ort im Spätmittelalter eine bedeutende Grenze markierte: Hier prallten die geistlich geprägte Domfreiheit und die selbstbewusste Ratsstadt aufeinander und mündeten in politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Aushandlungen. Exemplarisch dafür, dass gerade in historisch gewachsenen Städten Bewusstsein über historisch wichtige Orte aufgrund von Überbauung verblasst, wird nachfolgend anhand des Naumburger Lindenrings aufgezeigt.

Bischofsitzverlegung und der erste Siedlungskern ab 1033

Um die Stadtentwicklung Naumburgs zu verstehen, muss zunächst ihr Ursprung betrachtet werden. Die Entstehung der Domstadt ist eng mit der Verlagerung kirchlicher Machtzentren und der Ausbildung eines frühen Siedlungskerns verbunden.

Bereits um 960 ließ Bischof Boso von Merseburg außerhalb von Zeitz eine Kirche errichten, vermutlich über einer vorchristlichen Kultstätte. In der folgenden königlichen Entscheidung zwischen Merseburg, Zeitz und Memleben wurde Zeitz zum Bischofssitz bestimmt. Aufgrund wiederholter Zerstörungen böhmischer Heere 976/977, slawischer Einfälle im Zuge der Unruhen um Heinrich den Zänker und des Sorbenaufstands von 983 erschien Zeitz als Standort zunehmend ungeeignet. Vor diesem Hintergrund genehmigte Papst Johannes XIX. im Dezember 1028 die Verlegung des Bischofssitzes zur um 1000 errichteten Neuen Burg (Nuwenburg), die als besser befestigt (locus munitus) galt. Spätestens ab 1033 förderte Bischof Kadeloh gezielt die Ansiedlung von Kaufleuten aus Gene (dem heutigen Kleinjena), indem er diesen Abgaben- und Handelsfreiheiten zugestand. Diese ließen sich im vor der Burg (suburbium) entlang des heutigen Steinweges nieder. Damit entstand der erste dauerhafte Siedlungskern Naumburgs
Die Stadt Naumburg im Mittelalter (Germania Sacra N. F. 35,2) Wießner, Heinz (Bearb.): Das Bistum Naumburg. Teil 1,2: Die Diözese, Berlin 1998; Online-Ausgabe, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.
Die Stadt Naumburg im Mittelalter (Germania Sacra N. F. 35,2) Wießner, Heinz (Bearb.): Das Bistum Naumburg. Teil 1,2: Die Diözese, Berlin 1998; Online-Ausgabe, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Das Herausbilden der Doppelstadt

Auf die Entstehung des ersten Siedlungskerns im Schutz der Neuen Burg folgte eine Phase zunehmender räumlicher und funktionaler Differenzierung. Aus dem zunächst eng verflochtenen Gefüge von Burg, Kaufmannssiedlung und kirchlicher Präsenz entwickelten sich schrittweise eigenständige Bereiche mit unterschiedlichen Aufgaben, Rechten und Herrschaftsträgern. Besonders der geistliche Bezirk gewann dabei an Kontur.
So bildete sich um die Burg und Kaufmannssiedlung die Domfreiheit als zentraler geistlicher und herrschaftlicher Raum heraus. Sie konstituierte sich als eigenständiger Rechts- und Wirtschaftsbezirk unter bischöflicher Gerichtsbarkeit und mit besonderen Privilegien. Die Burg bildete nun mit Burg und Bischofsitz das weltlich-geistliche Zentrum der Region.
Bereits 1030 erhielt das Hochstift das Wildbannrecht im südwestlich gelegenen Buchenforst, 1040 kamen mit Cusne (heute Bad Kösen) sowie weiteren Dörfern zusätzliche Besitzungen hinzu. Der wachsende Territorialbesitz machte eine Professionalisierung der Verwaltung erforderlich. Spätestens seit dem 13. Jahrhundert sind neben der geistlichen Leitung auch weltliche Zentralbehörden nachweisbar. Bischöfliche Amtsträger (officiati), später Vögte oder Hauptleute, übernahmen militärische, administrative und gerichtliche Aufgaben. Ein Ratsgremium beriet den Bischof, während das Finanzwesen in der Kammer gebündelt wurde. Mit einer eigenen Münzstätte verfügte die Domfreiheit seit 1277 zudem über ein bedeutendes wirtschaftliches Instrument und besaß damit auch politische und ökonomische Eigenständigkeit.
Parallel dazu entwickelte sich außerhalb dieses bischöflichen Kernbereichs eine bürgerlich geprägte Siedlung. Seit dem späten 12. Jahrhundert entstand entlang der heutigen Herrenstraße ein neuer Siedlungsraum. 1140 wird dort das Marienhospital überliefert. Mit der Einrichtung der Wenzelskirche als Hauptpfarrkirche 1218 erhielt die Bürgersiedlung ein religiöses Zentrum außerhalb der Domfreiheit. Spätestens Mitte des 13. Jahrhunderts treten erstmals namentlich Bürger auf; Herkunftsnamen belegen Zuzug aus dem regionalen Umland und weiter entfernten Orten. Handel, Handwerk und Marktbeziehungen verliehen dieser Siedlung eine eigene wirtschaftliche Dynamik.
Im funktionalen Sinne lässt sich Naumburg damit als Stadt im mittelalterlichen Verständnis fassen. Aus dieser Entwicklung ging die Ratsstadt hervor, der sich als ein bürgerlicher Gemeinwesenverband mit wachsender Selbstverwaltung verstand. 1305 tritt der Rat erstmals urkundlich auf, 1308 sind acht Ratsherren namentlich belegt. An der Spitze stand zwei Bürgermeister. Der Rat umfasste sieben, später acht Personen. Jedes Jahr zu Maria Lichtmess (02.02.) wurde der Stadtrat neugewählt.
1329 erließ Bischof Heinrich eine neue Ratsverfassung: Zwölf Ratsherren sollten amtieren, je zur Hälfte Einflussreiche und Einflussarme, letztere meist aus ministerialen oder bischofsnahen Kreisen. Zwar erscheinen nun häufiger Handwerker im Rat, doch diente die Reform auch der Begrenzung städtischer Eigenständigkeit. Der Rat musste dem Bischof huldigen. Die Ratsgewalt beruhte damit auf Bürgereid und bischöflicher. Während der Rat Finanzen und kommunale Aufgaben verwaltete, blieb er in zentralen Rechtsakten bestätigungspflichtig.

Die Stadt Naumburg im Mittelalter (Entwurf: H. Wießner. Ausführung: A. Hermes)

  1. Burg
  2. St. Georg
  3. Burgstift St. Marien (im 13. Jh. abgebrochen)
  4. Dom St. Petrus und Paulus
  5. Pfarrkirche St. Marien
  6. Kapelle St. Nikolaus
  7. Romanischer Wohnturm (Ältester Bischofshof)
  8. St. Moritz
  9. Ägidienkurie
  10. St. Othmar
  11. Laurentiushospital
  12. Spätmittelalterlicher Bischofshof
  13. Neue Bischofskurie (16. Jh.)
  14. St. Wenzel
  15. St. Maria-Magdalena
  16. St. Jakob
  17. Rathaus
  18. Schlösschen (16. Jh.)
  1. Immunität
  2. Älteste Kaufmannssiedlung
  3. Frühgeschichtliche Siedlung am Reußplatz
  4. Frühgeschichtliche Siedlung am Wendenplan
  1. Steinweg
  2. Herrenweg
  3. Salzstraße
  4. Marienstraße
  5. Jakobstraße
  6. Wenzelsstraße

Konflikte in der doppelten Stadt

Gerade im Bereich des heutigen Lindenrings, am Übergang vom Steinweg aus der einstigen Domfreiheit hin zur der Herrenstraße aus der Ratsstadt, verdichtete sich der strukturelle Konflikt zwischen Domgeistlichkeit und Stadtrat in besonderer Weise. Wie Sembdner hervorhebt, herrschte hier ein dauerhaftes Ringen um Kompetenzen, in dem es dem Stadtrat zunehmend gelang, entstehende Handlungsspielräume praktisch zu besetzen. Während die formalen Rechte vielfach noch beim Bischof und dem Domkapitel lagen, konsolidierte der Rat im Alltag den für die Bürgerschaft unmittelbar spürbaren Einfluss.
Der Konflikt entzündete sich besonders an Fragen der Gerichtsbarkeit, der wirtschaftlichen Nutzung und der sozialen Fürsorge. Zwar verblieb die Hoch- und Niedergerichtsbarkeit nominell beim Bischof, wurde jedoch schrittweise delegiert und im frühen 14. Jahrhundert faktisch vom Rat ausgeübt. Die Überführung des Schultheißenamtes in das Bürgermeisteramt sowie die Etablierung eines eigenen Stadtgerichts markieren diesen Prozess. Parallel dazu legitimierte sich die städtische Obrigkeit durch Armen-, Kranken- und Hospizfürsorge, während Bildung und geistliche Versorgung weiterhin unter kirchlicher Kontrolle standen. Der Raum am Herrentor wurde damit zur Konfliktzone: Hier stießen wirtschaftliche Interessen aufeinander, etwa beim unerlaubten Warenverkauf durch Angehörige der Domfreiheit oder beim Weinhandel des Domkapitels, der das Ratskellerprivileg unterlief. Wiederholt mussten Verkaufsbänke niedergerissen, oder Personen festgenommen werden.

Der Herrengraben als innerstädtische Schnittstelle

Im Zusammenhang mit einem 1363 vor dem Rat zu Merseburg verhandelten Urteil, das einen Konflikt zwischen Domherren und den Bürgern Naumburgs betraf, wurden Sicherungsmaßnahmen am Herrentor angeordnet. Dabei ließ man einen Graben ausheben und mit Pfählen befestigen, aus dem der sogenannte Herrengraben hervorging. Entlang dieses ehemaligen Grabens verläuft heute der Lindenring, der damit auf einer einstigen innerstädtischen Konfliktlinie liegt. Während häufig vor allem der Gegensatz zwischen bischöflicher Herrschaft und Ratsstadt betont wird, vollzog sich ein vergleichbarer Aushandlungsprozess auch innerhalb des geistlichen Bereichs zwischen Bischof und Domkapitel.

Seit dem 14. Jahrhundert war das Klima innerhalb der Stadt konfliktbehaftet. Braun führt, zweifelsfrei überspitzt in den Annalen an „Dies Jahr haben die von Naumburg Krieg gehabt“. Gleichzeitig sprechen mehrere Hinweise für ein zeitweise kooperatives Klima zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Auch die Kämmereirechnungen zwischen 1351 und 1376 belegen wiederholt Schenkungen und Einigungen zwischen beiden Seiten.
Dauerhaft verfestigte sich die Zweiteilung jedoch im Streit um das Bierbraurecht. Das 1402 fixierte Urteil zeigt, wie stark wirtschaftliche Interessen den Konflikt verschärften. Der freie Bierverkauf in der Domfreiheit verursachte der Ratsstadt erhebliche Verluste. Beide Seiten beriefen sich auf ältere Rechtsnormen. Der Herrengraben, einst Grenze zwischen den zwei Gebietskörperschaften der Domfreiheit, der Ratsstadt und dem Bischoff als Landesherr lässt sich heute nur noch auf Grundlage des Straßenverlaufes des heutigen Lindenringes erahnen.

Fazit

Der Blick auf den heutigen Lindenring verdeutlicht, wie vielschichtig Stadtgeschichte im Stadtraum eingeschrieben ist und zugleich durch Überbauung, Umnutzung und funktionale Verschiebungen überdeckt wird. Was heute als selbstverständlicher Verkehrs- und Aufenthaltsraum wahrgenommen wird, war im Spätmittelalter eine markante Grenzlinie zwischen Domfreiheit und Ratsstadt und damit ein zentraler Ort politischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Aushandlungen. Am Verlauf des ehemaligen Herrengrabens wird sichtbar, wie sich geistliche Herrschaft, bürgerliche Selbstverwaltung und wirtschaftliche Interessen dauerhaft gegenüberstanden und zugleich miteinander verflochten blieben.
Die ursprüngliche Bedeutung historischer Orte ist im heutigen Stadtbild häufig nicht mehr unmittelbar erkennbar. Umso größer ist das Potenzial, solche verborgenen historischen Schichten gezielt sichtbar und verständlich zu machen. Durch bereits bestehende Informationspunkte lädt der Lindenring dazu ein, als geschichtskultureller Lernort erschlossen zu werden. Ergänzende digitale Angebote, etwa im Rahmen der 1000-Jahre-Naumburg-Kampagne, Elektronische Guides, oder 4D-Anwendungen könnten die historischen Zusammenhänge vor Ort anschaulich und niedrigschwellig erfahrbar machen.
Quellenverzeichnis:
Braun, Annalen = Braun, Sixtus, Annales Numburgenses von 799 bis 1613. Übertragen von Felix Köster; vollständig überarbeitet und mit Registern und Glossar versehen von Karl-Heinz Wünsch. Hg. von Siegfried Wagner und Karl-Heinz Wünsch, Naumburg 2009 (= Quellen und Schriften zur Naumburger Stadtgeschichte, Nr. 3).
Literaturverzeichnis:
Isenmann, Die deutsche Stadt = Isenmann, Eberhard, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150–1550. Stadtgestalt, Recht, Verfassung, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Göttingen 2012.
Sembdner, Geistliche Stadt = Sembdner, Alexander, Das Werden einer geistlichen Stadt im Schatten des Doms. Zur Rolle der geistlichen Institutionen im Gefüge der Bischofsstadt Naumburg bis ca. 1400, Regensburg 2018.
Wiessner, Die Diözese Naumburg = Wiessner, Heinz, Das Bistum Naumburg 1: Die Diözese (Germania Sacra N. F. 35), Berlin/New York 1997–1998.
Felix Staacke - Verfasser der Heimatgeschichte "Am Rand der heutigen Wahrnehmung"

über Felix Staacke

Werdegang

  • * 2002 in Naumburg

Weiteres

  • seit 2021 Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Lehramt für das Gymnasium Informatik und Geschichte
  • seit 2018 DRK Kreisverband Naumburg/Nebra e.V.