Beim Schrei des Käuzchens
Heimatgeschichte von Martin Reschke

Erinnerungstafel (ca. 1905) an die Philologen Friedrich Wilhelm Thiersch (1784 -1860) und seinen Bruder Bernhard (1793 -1855).
Mmh, es roch im ganzen Haus nach frischem Brot. Ich liebe diesen Geruch noch immer. Meinem Großvater gehörte die Bäckerei hier im Ort, meinem Vater auch ganz kurze Zeit und nun übe ich schon seit Urzeiten dieses Handwerk hier in Kirchscheidungen aus. Ja, ich bin Bäcker mit Leib und Seele, obwohl ich dies anfangs überhaupt nicht mochte. Ich wollte nicht mitten in der Nacht aufstehen, um den Bauern das Brot zu backen. Das war mir zu blöd. Doch als ich Henriette, die hiesige Pfarrerstochter, kennen- und lieben lernte, hielt mich in Wiehe nichts mehr. Seit dreiunddreißig Jahren sind wir nun verheiratet und ebenso lange bin ich Bäcker, ich: Johann Samuel Philipp Benjamin Thiersch.
In der Küche klapperte das Geschirr. Henriette stand immer mit auf, machte das Frühstück und ging mit mir in die Backstube hinunter. Doch das, was wir in der vergangenen Woche erlebten, grenzt an das, was Menschen gerade noch zu ertragen vermögen. Heute war der dreißigste Oktober 1813.
Seit Tagen schon, ging es ihr nicht gut. Fieberschübe kamen und gingen wieder, doch die Hitze in ihrem Körper stieg immer weiter an. Schwindelanfälle und Dauerkopfschmerzen kamen dazu. Die stickige Luft in der Backstube machte ihr zu schaffen. Sie begann gleich zu husten, als ich die Glut aus dem Ofen hinaus in die Schuttecke räumte. Angeheizt hatte ich den Ofen noch vor dem Schlafengehen, auch der Teig war inzwischen gegangen und bereit, gebacken zu werden.
Als ich fertig war und in die Kammer kam, in der der Teig zu Broten geformt wird, lag Henriette auf dem Boden. Ihr war auf einmal schwarz vor Augen geworden. Es drehte sich alles um sie. Mehr wusste sie nicht.
Ich trug sie hinauf in die Kammer, riss ihr das schweißnasse Mieder auf, um ihr Frischluft zu verschaffen. Nur Benjamin Wilhelm und Johanne Wilhelmine waren im Haus. Die anderen Söhne und die Tochter studierten bereits, waren auf Schulen oder verheiratet und wohnten jetzt bei ihren Eheliebsten.Ich trug sie hinauf in die Kammer, riss ihr das schweißnasse Mieder auf, um ihr Frischluft zu verschaffen. Nur Benjamin Wilhelm und Johanne Wilhelmine waren im Haus. Die anderen Söhne und die Tochter studierten bereits, waren auf Schulen oder verheiratet und wohnten jetzt bei ihren Eheliebsten.
„Johanne, schnell! Kümmere Dich um Deine Mutter! Sie ist zusammengebrochen. Ich muss nach dem Brot sehen. Sonst kommt mir alles um.“
Sich den Schlaf aus den Augen reibend, kam Johanne ein paar Minuten später die Treppe hinunter. Erst gestern kam sie mit einigen anderen Dorfbewohnern aus dem Wald zurück. Wenigstens sie konnte schlafen, wussten wir doch schon gar nicht mehr, was Schlafen bedeutet.
„Es ist doch noch mitten in der Nacht!“, maulte sie.
„Johanne, ich bitte Dich, das ganze Dorf ist voller Soldaten. Ich muss Brot für sie backen, sonst plündern die alles, was sie zu fassen kriegen. Sieh nach Deiner Mutter! Geh zu Johanna Louise, Deiner Schwägerin und bitte sie, Dir zu helfen! Karl August soll gleich zu mir kommen! Ich brauche ihn dringend. Sag ihm das!“
Und während ich die Brote in den Ofen schob, passierten die letzten Tage Revue in meinen Gedanken:
Karl August, unser Ältester, der unserem Haus gegenüber an der Backlücke das Bauernhaus mit seiner erst vor vier Jahren geheirateten, jungen Frau Johanna Louise bewirtschaftete, war erst am zwanzigsten Oktober von den Österreichern nach Hause geschickt worden. Kirchscheidungen hatte – wie all die anderen Dörfer auch – Schanzarbeiter zu stellen. Er erzählte uns, dass es zwischen dem sechzehnten und neunzehnten Oktober bei Leipzig zu einer riesigen Schlacht gekommen war, bei der knapp hunderttausend Soldaten aus aller Herren Ländern gefallen waren.
„Hunderttausend Mann! Wie viel Mal passt Kirchscheidungen da mit seinen etwas mehr als vierhundert Einwohnern hinein? Hunderttausend Tote, jeder fünfte Teilnehmer! Stellt Euch das mal vor! Napoleons Truppen steckten die Prügel ein.“
Wir konnten es gar nicht glauben, dass der große Kaiser und Erneuerer Europas erst Russland verlassen und nun auch aus den deutschen Landen weichen muss. Größenwahn kommt vor dem Fall! Den sind wir los.
„Warum aber müssen diese Barbaren wieder hier entlang ziehen? Haben die 1806 nicht unsere Heimat schon völlig verheert?“, stöhnte Henriette, als Karl August uns nach seiner Rückkehr davon erzählte.
Schon einen Tag nach dem Ende der Schlacht, am zwanzigsten Oktober, galoppierten vierhundert russische Kosaken in Laucha ein. Sie hatten die Grande Armèe umgangen und besetzten nun die Städte, Brücken und Pässe, auf denen Bonaparte zurückweichen musste. Man wollte ihm den Garaus machen.
Die zwirbelbärtigen, mit langen Mänteln und turbanähnlichen Mützen bekleideten, exotisch aussehenden Kosaken versuchten die Franzosen aufzuhalten. Sie direkt anzugreifen, trauten sich die Russen nicht. Die Kosaken zündeten die Brücke nach Dorndorf an. Trotzdem kamen die Franzosen ans Lauchaer Ufer und vertrieben die Feinde hinauf in die Plößnitzer Flur.
Die Russen setzten auch die Burgscheidunger und Nebraer Brücken in Brand. Furchtbar! Viele Einwohner flohen in den Wald nahe Tröbsdorf. Vor allem die Kinder sollten das Grauen des Krieges nicht erleben.
Es war genau an diesem Tag, am zwanzigsten Oktober: Henriette und ich bereiteten den Brotteig für die Nacht vor. Plötzlich riss jemand die Tür auf. Ein kalter Luftzug wehte herein und wirbelte das Mehl auf.
„Briederchen, gib Geld – sonst Du tott und Frau auch!“ Der Russe schien sich aber nicht sonderlich um das Geld zu kümmern. Er starrte meine Frau an, zog sie mit den Augen fast aus und begann an ihr herumzufingern.
Henriette versuchte sich aus seiner Umklammerung zu lösen. Ihn amüsierte das, denn er setzte ihr einen Kuss auf die Wange und grinste widerlich dabei. Später erst begriff ich, dass dieser Judaskuss ihr Todesurteil war.
In diesem Moment traf ihn mein Brotschieber auf dem Kopf. Er war hin, der Kosak und der Schieber auch.

Das ovale Giebelfenster der alten Bäckerei von Kirchscheidungen. Es war wohl ursprünglich über der Haustür des Backhauses platziert. 1872 wurde das Backhaus abgerissen und 90° dazu ein Wohnhaus errichtet. J. P. Thiersch war der erste Thiersch in Kirchscheidungen (1689–1757). Er baute 1629 das Backhaus an der heute noch so bezeichneten Backlücke. Johann Samuel Benjamin Thiersch (1753–1832), die Hauptperson in der Novelle, war sein Enkel. Er heiratete 1780 die Pfarrerstochter Henriette Lange (1762–1813). Sie hatten neun Kinder, darunter Bernhard und Friedrich Wilhelm Thiersch.
Wir schleppten ihn hinunter in den Keller, dessen Eingang versteckt im Garten war. Niemand wusste von ihm. Hinter Bergen von Korn, Mehl, Äpfeln und Kartoffeln, die seit fünfzig Jahren Hauptnahrung für Mensch und Tier waren, gab es eine Tür, die in ein winziges, seit Jahren ungenutztes Kabuff führte. Spinnen, Mäuse und Asseln waren dort zu Hause. Gewehr und Mütze warfen wir hinterher, rückten Regale vor die Tür und gingen – jeder in Gedanken versunken – wieder unserer Arbeit nach. Ja, wir hatten jetzt eine Leiche im Keller. Sah man das Kainsmal auf unserer Stirn? „Du sollst nicht töten!“ Dieses Gesetz Gottes schwebte über uns. Und wir hatten es dennoch getan; besser gesagt: ich erschlug den Mann und machte meine Frau zum Mittäter.
Am nächsten Tag standen wir Todesängste aus. Ununterbrochen kamen Franzosen nach Kirchscheidungen. Der Bürgermeister war nicht da und so hielten sich die Fremden schadlos an uns. Was an Vieh gesichtet wurde, stahlen sie. Sie erbrachen jedes Haus und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war.
Uns ließen sie in Ruhe, weil wir ihnen Brot lieferten.
Napoleon nistete sich an diesem Tag für Stunden in der Superintendentur Freyburg ein. Die Franzosen hatten drei Pontonbrücken errichtet, über die sie den Fluss zwischen Zeddenbach und Freyburg überquerten. Die Zeddenbacher Mühle ging in Flammen auf, fast ganz Großjena und das Backhaus in Balgstädt auch, weil sich der Inhaber weigerte, den Franzmännern das Brot und Korn zu geben.
Im Kirchscheidunger Pfarrgarten und auf den Feldern dahinter biwakierten über Nacht französische Husaren. Wir waren froh, dass ihre riesigen Wachfeuer nicht Kirche und Dorf abfackelten. Die Herings, unsere Pfarrersleute, hatten sich mit dem Rest der Bevölkerung und dem Vieh in Richtung Teufelskanzel verdrückt.
Am zweiundzwanzigsten Oktober entstand so etwas wie das Auge des Orkans, denn die Franzosen verschwanden und deren Gegner erschienen nun auf der Bildfläche. Hunderte der französischen Nachhut wurden erschlagen. Ihre Leichen schwammen zuhauf in der Unstrut. Über die notdürftig wieder instandgesetzten Brücken Laucha und Burgscheidungen kamen jetzt Kosaken und Preußen. Ein paar von ihnen blieben bei Kathert und im Rittergut über Nacht. Bei Dorndorf nächtigten die preußischen Armeekorps „Bülow“ und die russischen „von Sacken“, Gleina, Burkersroda, Gößnitz, Kalbitz und Wallroda verbrannten zum größten Teil in dieser Nacht – Kirchscheidungen blieb verschont.
Am späten Abend kamen preußische Reiter, die bei der Salpeterhütte nahe Tröbsdorf biwakierten und plünderten noch einmal das Oberdorf aus.
Am dreiundzwanzigsten Oktober – einem Samstag – quartierten sich Preußen im Dorf ein. Jedes Gehöft hatte welche von diesen Kerlen zu beherbergen. Sie soffen, grölten und randalierten die ganze Nacht. An Schlaf war nicht zu denken. Wir hatten zwar unliebsame Gäste im Haus, die aber achtgaben, dass nicht geplündert wurde, denn schließlich wollten die Kerle unser Brot am nächsten Morgen.
Sie hatten Unmengen requiriertes, teils krankes Vieh bei sich, das sie in unseren Ställen unterbrachten. Am nächsten Tag durften wir die Kadaver vergraben und verbrennen. Hätten wir unsere Tiere lieber in den Verstecken gelassen, denn die Seuche griff kurze Zeit später auf sie über und vernichtete einen Großteil des über diese Tage geretteten Viehbestandes.
Unten an der Pferdetränke passierte den Preußen beim Aufstellen der mitgeschleppten Kanonen ein Missgeschick. Eines ihrer Eisenschweine rutschte samt einer Menge Erde in die Unstrut. Christian Boy holte vier Pferde aus dem Versteck in den Rohrteichen und wir mühten uns redlich, die Kanone wieder ans Ufer zu ziehen. Zum Dank behielten die Preußen Boys Pferde. Was nutzte sein Fluchen? Er war sie für immer los. Verfluchtes Pack!
Kaum waren die Preußen weg, standen wieder Russen vor dem Wachhaus und verlangten sechshundert Brote. Nee, nee, ein Zauberer bin ich nicht. Die haben überhaupt keinen Realitätsbezug. Wie soll ich in meinem Ofen sechshundert Brote backen können, zumal die Preußen schon Unmengen erhielten?
Sie bekamen achtzig Sechspfünder und beschlagnahmten ein Rind bei Gottlieb Becker. Das war auch nur krank. Wir gaben es ihnen gerne.
Ein Kosak warf Herfurth auf die Erde und zog ihm eigenhändig die Stiefel aus. Er wickelte sich genügend Lappen um die Füße, bis ihm das Schuhwerk des Bauern passte und ging davon. Benjamin Herfurth beschwerte sich, worauf der Offizier den Schuldigen ausfindig machte und ihm mit der blanken Klinge seines Säbels vor den Augen aller verdrosch. Herfurth bekam die Stiefel zurück; der Kosak überall blaue Flecke und Schnittwunden.

Heutiges Thiersch-Haus von 1872 – Nordgiebel
Da Band der marschierenden Soldaten riss nicht ab. Immer wieder kamen Einheiten und verlangten Geld, Vieh, Korn, Mehl oder Brot und wenn sie`s hatten, plünderten sie dennoch in den meist verlassenen Häusern.
Meiner Frau ging es von Tag zu Tag schlechter. Ich denke, dass der vermaledeite Kosak, den wir seiner Aufdringlichkeit wegen erschlugen, Typhus hatte, denn ganz Leipzig litt unterdessen unter dieser Seuche, die von den Soldaten eingeschleppt worden war. Ihr Fieber stieg. Sie bekam Flecken auf der Haut und war immer müde. Die geschwollene Zunge war rotweiß gescheckt. Essen wollte sie nicht, trank nur etwas Wasser.
Was sollte ich tun? Einen Arzt konnte ich in diesen Tagen nicht erreichen und ein Feldscher hatte keine Zeit, sich um ein bloßes Weib zu sorgen.
Soweit sie da waren, denn auch sie versteckten sich zeitweise mit den Dorfbewohnern nahe der Teufelskanzel, halfen mir unsere Kinder Benjamin Wilhelm, Johanne Wilhelmine und Karl August beim Backen. Johanna Louise, meine Schwiegertochter blieb in diesen Tagen meist bei ihren Eltern, den Rühlmanns. Oft war ich allein. Henriette rappelte sich immer wieder auf, um mir beizustehen, doch sie konnte kaum etwas tun, vergaß die einfachsten Handgriffe. Ich musste sie wieder ins Schlafgemach tragen und ihre heiße Stirn und Waden mit kalten Wickeln kühlen. Ruhe fand ich kaum. Ich arbeitete bis zur totalen Erschöpfung.
Am sechsundzwanzigsten Oktober kamen vierundsiebzig preußische, von einem Wachtmeister kommandierte Artilleristen mit ihren einhundertneunundsechzig Pferden nach Kirchscheidungen. Sie waren ein Segen für den Ort, denn der Wachtmeister ließ sofort Wachen aufstellen, die verhinderten, dass weitere Soldaten und Plünderer zu uns kamen. Er selbst verlangte, in der Bäckerei einquartiert zu werden. Unser Schulze: Gottfried Demme, kam dem nach.
Erst am Abend gab sich der Mann zu erkennen, als ich mit den Kindern beim Nachtmahl saß. 1806, unmittelbar nach der Schlacht bei Auerstedt, schleppte er sich schwer verwundet bis nach Kirchscheidungen. Es war der Soldat, der mitten in der Nacht vor unserer Tür lag und um Hilfe bat. Wir pflegten ihn gesund, gaben ihm zu essen und frische Kleidung.
Damit die Franzosen ihn nicht fanden, brachten wir ihn im Kellerkabuff unter. So entkam er den Häschern, die die fliehenden Preußen damals verfolgten und sie wie die Karnickel auf dem Feld erschlugen, wenn sie sie aufgriffen. Auch in Kirchscheidungen suchte man nach Flüchtigen, fand aber niemanden.
„Benjamin“, sagte er zu mir, „ich sage dir keinen Namen, aber die Aufenthaltsplätze Eurer Pferde, Kühe und Schafe wurden uns verraten. Der Verräter kommt aus Euren Reihen. Er tat`s nur, weil er sich Geld und etwas zu essen versprach. Ich bin dir zu Dank verpflichtet. Eine Hand wäscht die andere. Gegenwärtig brauchen wir die Pferde nicht und so würde ich Euch raten, das Vieh wegzuschaffen, wenn Ihr es behalten wollt. Man wird es bald in Laucha erfahren, wo Eure Tiere stecken. Dann sind sie nicht mehr sicher.“
Ich informierte Demme. Und schon war das Vieh weg. An die Soldaten verloren wir kein einziges Tier mehr.
Gestern, am neunundzwanzigsten Oktober, marschierten die Artilleristen wieder ab. Man hatte schon zum Aufbruch geblasen, als plötzlich der Wachtmeister mit der Bitte zu mir kam, ihm doch noch einmal den Verschlag zu zeigen, in dem er damals den Franzosen entkam und von uns gesundgepflegt wurde.
Was sollte ich nur tun? In all dem Trubel hatten wir, besser gesagt: hatte ich es nicht geschafft, die Leiche des Kosaken zu vergraben. Sie lag noch immer im Keller. Und nun wollte der Wachtmeister ausgerechnet in dieses Kabuff.
Henriette lag im Bett, unfähig, sich daraus zu bewegen. Allein, am helllichten Tag und in Anwesenheit von mit den Russen verbündeten preußischen Infanteristen, war es unmöglich, den Leichnam noch in diesem Moment aus der Welt zu schaffen. Jetzt war ich dran! Wollte mich Gott nun für diesen Mord zur Rechenschaft ziehen?
Oh, wie schwer wurden mir die Beine, wie schlotterten sie, als ich die Stufen hinunter in den Keller stapfte. Mein Versuch, den Wachtmeister umzustimmen, scheiterte kläglich. Ich zitterte am ganzen Leib. Der Blutdruck stieg ins Unermessliche. Zwei seiner Männer räumten in Windeseile die Regale, Säcke und Früchte zur Seite.
„Geht! Lasst mich allein!
Halt! Benjamin, Du nicht! Bleib bitte hier!“
Durch einen schmalen Spalt zwängte sich der Mann mit der Laterne voran in den Raum. Beißender Geruch wehte uns entgegen. Mir blieb fast das Herz stehen. Jetzt war es aus! Mein Leben war verwirkt.
Er blieb nicht einmal eine Minute drin. Sorgsam schob er den Riegel wieder an seinen Ort, hielt mir die Laterne ins Gesicht und sagte: „Der Herr hat`s gegeben. Der Herr hat`s genommen.“
Dann ging er an mir vorüber die Treppe hinauf. Als er mir wortlos die Hand zum Abschied drückte, schämte ich mich, ihm in die Augen zu blicken. Noch immer erwartete ich seinen Befehl, dass mich die Streckenknechte greifen sollten, um mich dem Profoss wegen Mordes vorzuführen. Doch ich hörte nur wie er sagte: „Ein Dank auch an die Frau Gemahlin! Sie möge bald gesunden! Gott vergelts Euch! Adieu!“
Das Herz klopfte wild in meiner Brust.
Weit nach Mitternacht begruben Karl August und ich den typhusverseuchten Leichnam des Kosaken im Garten.
Das Leben ist ein Kommen und Gehen, ein Geben und Nehmen. Noch während der Kauz seine schauerliche Ode vom Kirchturm erschallen ließ, starb Henriette bevor es tagte an dieser scheußlichen Krankheit. Ich verlor das mir Liebste auf der Welt. Nicht wir – Gott allein ist Richter. Das Bündel, das ich fortan trug, lag schwer auf meinen Schultern.
Was ist wahr und was erdichtet:
Wahr sind alle militärisch genannten Ereignisse, auch die des preußischen Wachtmeisters. Erfunden ist die Leiche im Keller. Alle genannten Personen existierten wirklich. Henriette Thiersch geborene Lange starb wirklich infolge einer Erkältung am Reformationstag 1813.

über Martin Reschke
Werdegang
-
*1952 in Laucha
Weiteres
-
4 - 6 Kolumnen pro Jahr unter "Gott und die Welt" in der Mitteldeutschen Zeitung
-
Lesungen (auch im Rahmen von Kumbra) mit Autoren im Ort und aus eigenen Texten
-
seit 1971 im Gemeindekirchenrat
-
seit 1989 Lektor seiner Kirchengemeinde (hält selbst Gottesdienste)
-
mehrere Legislaturperioden im Gemeinderat in Kirchscheidungen
© Foto(s): Burgenlandkreis, Amt für Bildung Kultur und Sport